Letzter Kirtag (Teaser)

Posted: Juli 25, 2010 in Krimis, Uncategorized

erschienen bei Haymon 2011

So etwas hatte selbst Gasperlmair noch nie gesehen. Gewiss, auf seiner Runde durch das Altausseer Bierzelt am Montag Morgen war ihm in den vergangenen zwanzig Jahren durchaus Bemerkenswertes begegnet. In wabernden Schwaden verschiedenster Duftspuren geräucherter Saiblinge, kalter Grillhendln, schalen Biers und Erbrochenen fand sich immer wieder der eine oder andere Gast, der nicht nach Hause gefunden hatte. Manch einen hatte Gasperlmair schon auf einem Biertisch schlafend vorgefunden, dann und wann lagen auch zu Boden gegangene Lederhosenträger morgens noch dort, wo sie nachts zusammengebrochen waren und sogar ineinander verschlungen schlafende Trachtenpärchen hatte Gasperlmair schon dazu bringen müssen, sich schlaftrunken auf den Nachhauseweg zu machen. Oder, in manchen Fällen, gleich wieder auf einer Bierbank Platz zu nehmen und die nächste Bestellung bei der Kellnerin aufzugeben. Der Altausseer Kirtag entfaltete sich nämlich traditionsgemäß erst am Montag zu voller Blüte.

Auch solche wie den heute hatte er schon manchmal vorgefunden, noch auf der Bank sitzend, während der Kopf auf die auf dem Biertisch verschränkten  Arme gesunken war.

Auch allerlei Substanzen, die gewöhnlich im Inneren des Körpers behalten werden, hatte Gasperlmair schon in Pfützen auf dem Boden, in dunklen Flecken auf den Lederhosen und in Rinnsalen auf und unter den Biertischen fließen und eintrocknen sehen. Unwillkürlich musste er an den alten Witz denken, in dem ein Ausseer anlässlich einer Gesundenuntersuchung vom Arzt darüber aufgeklärt wird, dass eine Blut- eine Stuhl-, eine Harn- wie auch eine Spermaprobe benötigt würden, worauf der Ausseer anbietet, einfach die Lederhose dazulassen.

Doch so etwas wie heute, das sei nachdrücklich wiederholt, hatte Gasperlmair noch nie gesehen. Er trat näher und betrachtete den Mann, der vor ihm zusammengesunken am Biertisch hockte. Dass es keiner von hier war, war das erste, was Gasperlmair, der seit mehr als zwanzig Jahren Dienst im Polizeiposten von Altaussee versah, mit Sicherheit feststellen konnte. Der Mann trug eine Lederhose, gewiss, sogar eine Altausseer Lederhose, eine hochwertige noch dazu, sieben-nahtig, durchwegs von Hand bestickt. Nicht unter tausendfünfhundert Euro zu bekommen. Solche Hosen trugen, gewiss, auch Altausseer da und dort. Aber keine neue. Nur in den allerschlimmsten Notfällen, nach Brandkatastrophen oder Murenabgängen, die das gesamte Hab und Gut einer Familie vernichteten oder Raubüberfällen, welche zum Glück im Ausseerischen selten waren, kaufte sich der Ausseer oder Altausseer eine neue Lederhose. Selbst in den genannten Katastrophenfällen wurde die Lederhose in der Regel mit ihrem Träger rechtzeitig gewarnt und damit gerettet. Und wenn denn eine Neuanschaffung unausweichlich war, da zog man gebrauchte, überarbeitete, weiter oder enger gemachte den neuen bei weitem vor. Jahre konnten über der Suche nach einer passenden alten Lederhose hingehen.

Gasperlmair selber indes war gestern in der Uniform der freiwilligen Feuerwehr im Bierzelt gesessen, heute hatte er sie mit seiner Polizeiuniform vertauscht, wie überhaupt Gasperlmair ein Freund von Uniformen war und außer seiner Tracht selten anderes trug. Das hätte ja bedeutet, einkaufen gehen zu müssen, in engen, nach Schweiß riechenden Kabinen, in denen man sich Ellenbogen und Knie blutig schlug,  fremde Kleidungsstücke immer wieder an- und ausziehen zu müssen, Entscheidungen über Farbe, Stil und Passform treffen zu müssen, und so weiter. Das wollte sich Gasperlmair, wenn es ging, liebend gern ersparen, obwohl seine Frau ihn regelmäßig…

Gasperlmair würgte diesen Gedankengang bewusst und entschlossen ab, um nicht ins Grübeln und Sinnieren zu geraten. Schließlich und endlich war auch die Tracht, die der Mann auf der Bierbank trug und wie sie Gasperlmair liebte, eine Art Uniform, denn es galten exakte und genau einzuhaltende Kleidungsvorschriften, etwa dermaßen, dass zum Beispiel ein ahnungsloser Sommerfrischler, der sich mit weißen Stutzen anstatt der grünen zur Lederhose im Wirtshaus sehen ließ, schon einmal verächtlich als „Pinzgauer“ beschimpft und unter Umständen auch mit einer Halben Bier übergossen wurde.

Gasperlmair ordnete seine Gedanken und kehrte zurück zum gegenständlichen Fall. Trug also einer, wie hier,  eine neue Lederhose, war er in der Regel ein Wiener, allenfalls auch ein Linzer, Grazer, in seltenen Fällen sogar vielleicht ein Vöcklabrucker oder gar Gmundner. Obwohl die Gmundner schon ihre eigenen Lederhosen hatten. Die allerdings, wie Gasperlmaier bei sich dachte, recht unansehnlich, nahezu unschön waren.

Auch, dass es sich um eine Altausseer, nicht etwa um eine Bad Ausseer oder eine Grundlseer Lederne handelte, war Gasperlmair sofort klar, ortsfremde Merkmale an einer ledernen hätte er ohne genaueres Hinsehen sofort entdeckt.

Diese neue Lederhose war nun aber, und das war eigentlich das, was Gasperlmair noch nie gesehen hatte, übel zugerichtet. Und das ist eine Altausseer Lederhose nicht etwa wegen ein paar vernachlässigbaren Urinresten, die, wie man weiß, auf das Leder höchstens erhaltend einwirken. Nicht umsonst gerben ja die Beduinen ihre Ledernen mit Kamelurin, wie Gasperlmair wusste. Der bedenkliche Zustand der Ledernen offenbarte sich in dicken rotbraunen Verkrustungen, die über das Hosentürl hinliefen und zwischen den Schenkeln des Mannes verschwanden, während das Leder auf den Oberschenkeln sauber und neu glänzte. Die gröbste Sauerei bestand darin, worauf, vielmehr worin der Mann saß. Der Lederhosenhintern befand sich inmitten einer Blutlache, die sich nahezu über die ganze Bank ausgebreitet hatte, wohl auch von derselben zu Boden getropft war, denn auch auf den graubraunen Brettern unter der Bank meinte Gasperlmair, schwärzliche, eingetrocknete Krusten wahrzunehmen.

Eigentlich, noch exakter betrachtet, war es keine Lache mehr, worin der Mann saß, denn das hätte das Vorhandensein von Flüssigkeit impliziert, vielmehr war es ein dünner Film dunkelroten, fast braunen, eingetrockneten Saftes mit dicken, sich die Bank entlang schlängelnden Schlieren darinnen. Das machte Gasperlmair eines klar:  Jetzt blutete der Mann nicht mehr.

Routiniert und doch von Scheu, Ekel und Ehrfurcht zugleich ergriffen – etwa, wie wenn man durch dickes Panzerglas eine Gabunviper betrachtet – trat Gasperlmair an den Mann heran und tastete an dessen Hals nach etwa noch vorhandenem Pulsschlag. Rasch zuckten seine ausgestreckten Finger wieder zurück, als sie das erkaltete, leblose Fleisch berührt hatten.

Man darf jetzt nicht etwa dem Irrtum verfallen, Gasperlmair hätte langsam, zögerlich, unentschlossen oder gar allzu bedächtig gehandelt, nein, das, was der Autor sich hier in seinem Reichtum an wahrgenommenen Einzelheiten und durch Gasperlmairs Kopf schießenden Gedanken anschaulich darzustellen bemüht, spielte sich natürlich in des Polizisten kriminalistisch geschultem Hirn binnen weniger Zehntelsekunden ab: Das Erinnern an frühere Auffindungen so genannter Schnapsleichen, das Wahrnehmen des Zustands des Aufgefundenen, das Urteil über Herkunft und soziale Stellung: Das alles, wie schon gesagt, in Zehntelsekunden. Was rede ich, Hundertstel.

Und nach, vielleicht, grob geschätzt, 2 bis 3 Zehntel Sekunden kam Gasperlmair zu der eindeutigen Schlussfolgerung: Da saß ein unlängst verstorbener, wohlhabender Sommerfrischler.

Auch Gasperlmairs nächster Entschluss war binnen Sekundenbruchteilen gefasst: Er brauchte einen Schnaps. Das Entdecken von Leichen, das Anfassen kalten Fleisches, das Blut – all das war ja doch nichts Alltägliches, es gehörte schon zu den Besonderheiten, die dringend der Entspannung durch Hochprozentiges bedurften. Viel länger als die Analyse der Situation gedauert hatte, brauchte Gasperlmair für die Suche nach geeignetem Stoff – der Wirt im Altausseer Bierzelt war nicht so dumm, den Schnaps nach der Sperrstunde offen herumstehen zu lassen. Nach Minuten des Herumirrens im vom frühen Morgenlicht blass erleuchteten Bierzelt entdeckte Gasperlmair zwischen schmutzigen Gläsern eine Schnapsflasche, in der sich noch ein Fingerbreit glasklarer Flüssigkeit befand. Gasperlmair roch und stürzte den Rest, für gut befunden, daraufhin hinunter.

So gestärkt begab sich Gasperlmaier daran, eine weit reichende Entscheidung zu treffen, die gründliches Nachdenken erforderte. Folgendes galt es zu überlegen: Rief Gasperlmair nun, wie die Vorschrift es verlangte, seinen Vorgesetzten, würde in einer halben Stunde das gesamte Festgelände von farbigen Kunststoffbändern umgeben und damit abgeriegelt sein. Das Bierzelt würde seinen Betrieb allenfalls verspätet, um Stunden verspätet, oder gar überhaupt nicht aufnehmen. Es galt, abzuwägen, ob der auf der Bank immer noch zusammengesunken dasitzende Tote dieses außerordentlich hohe Risiko wert war. Wie viele hundert Altausser, Ausseer, Grundlseer, Goiserer und wer weiß noch alles würden bitter enttäuscht nach Hause zurück kehren und sich am Ende dort betrinken müssen, der Höhepunkt im Festkalender des Dorfes würde unwiederbringlich dahin und zerstört sein. Das, noch dazu, wo das Wetter sich anschickte, einen milden Spätsommertag einzuleiten, wie geschaffen für die Promenade auf dem Kirtag und die Einkehr im Bierzelt. Hie Tausende Enttäuschte, da ein einzelner Verstorbener, dem, so wog Gasperlmaier ab, die Absage des Kirtags gewiss nicht wieder ins Leben zurück helfen würde.

Der Tote und das Bierzelt, überlegte Gasperlmaier, waren voneinander zu trennen. Irgendwo hinter der Hecke, die die große, zum See hinunter leicht abfallende Wiese begrenzte, die als Parkplatz diente, würde er dem Ablauf des Festes nicht im Wege sein. Um diese Zeit würde Gasperlmaier das wohl unbemerkt tun können, wer stand schon – gerade an diesem Morgen – vor sechs Uhr auf oder spazierte gar auf dem Bierzeltgelände herum, wenn er nicht gerade der Dienst habende Ortspolizist war. Gasperlmair wog die Risiken gegeneinander ab und entschloss sich kurzer Hand, um des Kirtags willen ein persönliches Opfer zu bringen und gegen seine Vorschriften zu handeln. Der Verstorbene musste aus dem Bierzelt verschwinden, der Kirtag war wichtiger als eine überkorrekte Ermittlung in einem Todesfall. Dem Opfer selber konnte eine solche ohnehin nicht mehr helfen, für ihn war die Angelegenheit mit seinem Ableben erledigt, versicherte sich Gasperlmair selbst.

Es musste schnell gehandelt werden: Gasperlmair fasste den Toten unter den Armen, einen Anflug von Scheu oder Ekel dem höheren Ziel zugute unterdrückend.  An den Schultern schien die Leiche bereits etwas steif, die Arme blieben nahezu unbeweglich. Gasperlmair ließ sie zu Boden gleiten. Die zuvor angezogenen Beine gaben im Hüft- und Kniegelenk nach und streckten sich. Leere Augen starrten ihn an, der Mund des Toten blieb leicht geöffnet, so, wie er auf der Bank gesessen war. Gasperlmair meinte, ihn grinsen zu sehen und wandte seinen Blick rasch ab.

Gasperlmair konnte nun nicht umhin, deutlich zu erkennen, woran der Mann gestorben war. Das offene Gilet war zur Seite geglitten und gab einen breiten Riss im weiß-blau karierten Hemd oberhalb des Hosenbundes frei, dessen Umgebung völlig von getrocknetem Blut geschwärzt war. Am Ende, so dachte Gasperlmair bei sich, hatte der Doktor – wie er die Leiche bei sich zu nennen beschlossen hatte -  einen Stich mit seinem eigenen Hirschfänger abbekommen, dem Messer, das man dem Brauch nach in einer eigens dafür aufgenähten Tasche am rechten Oberschenkel trug. Ein kurzer Blick verriet ihm, dass das Messer fehlte.

Gasperlmaiers Blick fiel auf die blutbesudelte Bank. Eine solche, ohne den dazu gehörenden Bluter, der immerhin einen nicht zu übersehenden Lederhosenabdruck darauf hinterlassen hatte, würde ebenso eine Untersuchung, Absperrung oder dergleichen, mithin einen Ausfall des Kirtages, mit sich bringen. Gasperlmair schnappte die Bank in einem Akt hastiger Kraftanstrengung, wie sie Menschen nur in außergewöhnlichen Situationen zu vollführen in der Lage sich befinden, verließ mit ihr das Bierzelt durch einen Seiteneingang, warf die Bank in ein nahe liegendes Gebüsch, klappte ihre Metallbeine zusammen und schob sie in den Schatten unter die tief hängenden Äste. So schnell würde man sie, so hoffte er, dort weder suchen noch finden.

Nun galt es, die Leiche aus dem Bierzelt zu schaffen. Gasperlmair machte sich keine Illusionen: Den Doktor so zu verstecken, dass er gar erst morgen oder überhaupt nicht gefunden werden würde, war aussichtslos. Er musste nur so weit vom Bierzelt weggebracht werden, dass eine allfällige Leichenauffindung und die darauf folgenden Ermittlungen abseits und ohne Störung des Kirtagsbetriebes vonstatten gehen konnten.

Den Doktor aus dem Zelt zu schleifen, war schwerer, als Gasperlmair sich das vorgestellt hatte. Peinlich berührt sah er, dass ein Schweißtropfen, der sich von seiner Stirn gelöst hatte, die Leiche genau an der Nasenwurzel traf. Zudem musste Gasperlmair feststellen, dass die Haferlschuhe des Verstorbenen so deutliche Schleifspuren hinterließen, dass ihm am Gelingen seines Unternehmens Zweifel kamen. Er ließ den Mann vollends zu Boden gleiten und zog ihn an den Händen über die Wiese weiter. Wieder musste Gasperlmair dabei den Ekel überwinden, der in ihm aufstieg, als er die Arme des Toten gegen den Widerstand der bereits einsetzenden Leichenstarre nach oben zu verdrehen gezwungen war. Nun waren die Schleifspuren zwar wahrnehmbar, aber nicht allzu auffällig und würden bald von den Lastwagen und Traktoren der Lieferanten gekühlten Biers und frischer Grillhendln verwischt werden. Die Bauchwunde des Toten hatte durch die Bewegung wieder zu bluten begonnen: Rote Flecken breiteten sich jenseits der braunen, eingetrockneten Ränder durch frisch hervor gesickertes Blut aus. Gasperlmair achtete peinlich beim Ziehen genau darauf, nur die Hemdsärmel des Toten zu berühren, zu sehr graute ihm vor einem allzu innigen Handshake mit der Leiche.

Nach weniger als zwanzig Metern im bereits prallen Sonnenschein wurde Gasperlmairs Unterfangen jählich durch das Brummen eines Dieselmotors unterbrochen. Ein LKW der Gösser Brauerei tauchte langsam und wild auf der holprigen Wiese auf und ab tanzend aus dem Schatten der Zeltwand auf. In seiner Verzweiflung tat Gasperlmair das einzig mögliche: Er verschwand mit seiner Last im Pissoir, das frei stehend auf der Wiese hinter dem Bierzelt seinen Platz gefunden hatte.

Nun war das Pissoir des Altausseer Bierzelts in sich eine Besonderheit: Frei stehende Stahlwannen, in die man sein Wasser abzuschlagen hatte, waren nicht etwa in einem Wagen, einem Nebenzelt oder vergleichbaren, sonst durchaus üblichen  Baulichkeiten untergebracht, sondern lediglich von einer etwa brusthohen Pappkartonwand abgeschirmt, sodass der Benutzer der Einrichtung, je nach Ausrichtung, während seiner Tätigkeit den Blick auf den Tressenstein oder meinetwegen auch auf die sonnendurchflutete Trisselwand lenken konnte. Manche sahen das als Vorteil – immerhin tauschte man Uringestank und von Fliegen dicht bevölkerte Kachelwände gegen einen grandiosen Blick in die Landschaft des Salzkammergutes ein. Die Ausblicke, die man vom Pissoir des Altausseer Bierzelts genießen konnte, zierten anderswo Kalenderblätter oder gar die Umschläge von Reiseführern.  Gasperlmair selbst allerdings hatte sich mit dieser Weise sich im Übermaß genossenen Bieres zu entledigen niemals anfreunden können. Gewiss konnte man während des Benutzens des Urinals zuvor begonnene Unterhaltungen mit beispielsweise der draußen wartenden Begleiterin ohne lästige Unterbrechung weiterführen, doch Gasperlmair waren die Freuden des ungezwungenen Gesprächs während des Wasserlassens nicht zugänglich.  Gestern erst hatte er kurz nach Einbruch der Dunkelheit das Pissoir aufgesucht, während seine Frau draußen warten wollte. Gerade während der so heiklen Anfangsphase hatte sie zu ihm hin gelächelt: „Geht’s leicht nicht?“, und es war wirklich nicht, zumindest nicht gleich und nicht leicht, gegangen.

Sogar ein Kameramann hatte sich vor der Anlage herumgetrieben, professionell ausgerüstet, mit einem Assistenten, der an einer langen Stange ein pelziges Mikrophon herumtrug. Ob Gasperlmair gefilmt worden war, wusste er nicht zu sagen. Jedenfalls gab es Angenehmeres, als womöglich in einer Fernsehsendung dämlich grinsend beim Urinieren gezeigt zu werden, wenn auch nur von der Brust aufwärts. Ohnehin hatte er die Fernsehdokumentationen satt, in denen Bräuche des Ausseerlandes als originell, aber kurios dargestellt wurden – in einer Art und einem Tonfall, in dem der selbe Sprecher auch einen Film über die Humboldtpinguine an der südchilenischen Küste kommentieren würde. Gasperlmair verstand sich nicht als pittoreskes Kuscheltier einer verkommenen großstädtischen Intellektualität, sicher nicht.

Gasperlmair ließ seine Last fallen und zwischen den Urinalen zu liegen kommen, sodass der Körper des Toten die Hypotenuse eines gleichschenkeligen Dreiecks abgab, dessen Katheten die beiden, im rechten Winkel zueinander aufgestellten Urinale bildeten.

Der Körper war aus dem Bierzelt beseitigt, die größte Gefahr abgewandt. Doch wie ein Stromstoß durchfuhr es Gasperlmair siedend heiß, als er bereits das Mobiltelefon am Ohr hielt und die Nummer des Postenkommandanten gewählt hatte: Wenn das Pissoir gesperrt werden musste, konnte dann überhaupt das Bierzelt geöffnet werden? Wohin mit all denjenigen, die ein dringendes Bedürfnis verspürten? Konnte die Toilettenanlage im Gebäude der Tourismusinformation gegenüber den Zustrom aufnehmen und verkraften?

Zu spät, um für diese Probleme nach einer Lösung zu suchen: Der LKW der Brauerei hatte nur wenige Meter von Gasperlmair entfernt ausgeschnauft, und Gasperlmairs Vorgesetzter, der Kahlß Friedrich, hatte sich bereits gemeldet: „Gasperlmair? Was ist?“

Gasperlmair meldete den Fund eines Toten im Pissoir des Bierzelts, und den gehaltvollen Flüchen des Postenkommandanten entnahm er unschwer, dass auch diesem der Vorfall, an diesem Ort und zum jetzigen Zeitpunkt mehr als ungelegen kam. „Das ist  jetzt ein Riesenproblem, Gasperlmair, ist das!“, war, von den Kraftausdrücken abgesehen, sein erster Kommentar, worauf Gasperlmair hilflos die Schultern zuckte, ohne sich der Tatsache wirklich bewusst zu werden, dass Mobiltelefone körpersprachliche Signale nirgendwo hin zu übertragen pflegten.

Schlechter Tausch

Posted: Oktober 5, 2008 in Krimis, Thriller

Es bereitete ihr Unbehagen, sich in einem Eisenbahnwagen einen Platz suchen zu müssen. Sie war ängstlich und deshalb wählerisch, was Reisegefährten betraf. Doch diesmal schien die Wahl leicht. Im Großraumwagen gab es nur einen Viererblock, in dem nur eine Person saß. Ein junger Mann, sehr gepflegt, bürgerliches Aussehen, Sakko und rote Krawatte. Sie fragte, ob ein Platz frei sei, er sah sie an, lächelte, schwieg und nickte. Als er ihre Tasche sah, sprang er auf und wollte helfen, doch sie lehnte ab. Sie war durchaus in der Lage, eine mittelschwere Reisetasche in ein Gepäcksnetz zu heben. Der junge Mann setzte sich wieder, sie spürte seine Blicke auf ihren Beinen. Vielleicht hätte sie sich doch zu einer Frau setzen sollen. Oder einen längeren Rock anziehen. Sie setzte sich ihm schräg gegenüber und schlug die Beine übereinander. Unwillkürlich heftete sich ihr Blick wieder auf den Mann, der sein Gesicht hinter einer lachsfarbenen Zeitung verbarg.
Gelegentlich, wenn er umblätterte, tauchte sein Gesicht hinter der Zeitung auf. Seine Blicke streiften immer wieder ihre Augen, ihre Brüste, ihre Beine. Nicht in einer unangenehm bedrängenden Weise. Man konnte seine Blicke sogar als Komplimente auffassen. Ihr war warm. Der Waggon war zu stark geheizt. Wie meist schien die Klimaanlage nicht zu funktionieren. Entweder war es zu warm oder zu kalt, es stank oder war zugig. Sie nahm den obersten Knopf ihrer Bluse zwischen Daumen und Zeigefinger und schüttelte sie, um etwas Frischluft an ihren Oberkörper zu fächeln. Sie spürte, wie sich ein Rinnsal von Schweiß zwischen ihren Brüsten bildete und auf den Weg über das Brustbein bis zum Nabel hinunter zu machen begann.
Der junge Mann legte seine Zeitung beiseite. „Heiß?“, fragte er lächelnd. Es war etwas in seinen Augen. Er war wirklich sehr attraktiv. Eigentlich genau ihr Typ. Dunkelhaarig, etwas herb, kantiges Kinn, nicht wirklich frisch rasiert. Kurze Haare, die aber Naturwellen oder sogar eine leichte Krause erahnen ließen. Er roch auch gut. Was war das bloß für ein Parfum … Sie meinte, es zu erkennen. Ob sie es schon einmal verschenkt hatte?
Sie war dankbar, dass er das Eis gebrochen und die Konversation eröffnet hatte. Schweigende Bahnfahrten hatten etwas Bedrückendes an sich. Ebenso allerdings zu geschwätzige. „Ja!“, seufzte sie und lächelte zurück. „Diese Klimaanlagen…“. Etwas Geistreicheres hatte sie im Moment nicht zu bieten. Ob er wohl eine Freundin hatte? Bald hatte der junge Mann erfahren, dass sie auf dem Weg von einem Wochenendbesuch bei ihren Eltern nach Hause war, dass sie gerade an ihrer Diplomarbeit schrieb und hoffte, als Mikrobiologin einen Job bei einer Pharmafirma zu ergattern. Sie wusste, dass er Rechtsanwalt war, mehr nicht. „Und wohin sind Sie unterwegs?“ „Ich habe morgen Früh in Innsbruck einen Gerichtstermin, eine Anreise morgen wäre sich nicht mehr ausgegangen.“ Sie erklärte ihm, dass sie gedacht habe, Rechtsanwälte führen in dicken, schwarzen Limousinen zu ihren Terminen. So weit sei er noch nicht, antwortete er.
Die Konversation war auf dem besten Wege, wieder einzuschlafen, er blickte aus dem Fenster, durch das es außer Dunkelheit und vorbei huschenden Lichtern nichts zu sehen gab, und sie gab einem plötzlichen Impuls nach, streifte die Schuhe von den Füßen und legte sie auf den Sitz neben ihm, ihr gegenüber. Er merkte die Bewegung, streifte ihre Beine mit seinen Blicken, gab keinen Kommentar ab und rückte, wieder aus dem Fenster blickend, ihren Beinen ein wenig näher, sodass sie nun mit Zehen und Rist sein Gesäß berührte. Die Berührung war ihr angenehm, aber sie spürte mehr als nur den Stoff seiner Hose. Eine unerklärliche Unruhe, ein leichter Schwindel, fast so, als hätte sie Alkohol getrunken. Hatte sie aber nicht.
Er lehnte sich zurück, lächelte ihr noch einmal zu, drückte seinen Kopf in die Ecke der Kopfstütze, so als wolle er schlafen, und bald fielen ihm auch die Augen zu. Ihr Fuß lag noch immer an seinem Gesäß. Sie ertappte sich dabei, dass sie seit längerem seine rote Krawatte anstarrte. Eine schöne Krawatte. Sicher aus Seide. Sie wollte so eine Krawatte haben. Nein, sie wollte genau diese Krawatte haben.
Plötzlich schoss es aus ihr heraus, ohne dass sie sich dafür entschieden hatte, etwas zu sagen. „Ich will Ihre Krawatte haben.“ Er öffnete die Augen, wirkte aber nicht so, als wäre er aus dem Schlaf geschreckt oder erschrocken worden. Im Gegenteil, er lächelte ihr freundlich zu. Sie hingegen war es, die, schockiert davon, einen plötzlich aufkeimenden Wunsch so spontan ausgesprochen zu haben, die Hand vor den Mund schlug. „Entschuldigen Sie,“, kicherte sie, peinlich berührt, „das ist mir so rausgerutscht, ich weiß selbst nicht, wieso.“
„Keine Ursache!“, antwortete er, nestelte am Knoten seiner Krawatte, öffnete ihn, zog sie von seinem Hals und überreichte ihr die Krawatte mit einer galanten Verbeugung. „Ich habe noch mehrere davon. Sie sollten sie aber auch einmal tragen.“
Die Situation war unangenehm, dennoch nahm sie das Geschenk mit einem verlegenen Lächeln an und stopfte es in ihre Handtasche, die sie neben sich auf dem Sitz platziert hatte.
Danach sah sie ihm wieder in die Augen und verspürte dabei einen Cocktail völlig widersprüchlicher Gefühle, der in ihr Unruhe auslöste. Einerseits wollte sie diesen Mann, nicht nur sein Äußeres, sondern auch etwas anderes an ihm zog sie unwiderstehlich an, aber sie meinte auch zu spüren, dass eine Gefahr von ihm ausging. Plötzlich verschwammen seine Umrisse vor ihren Augen, so, als ob zwischen ihnen heiße Luft aufstieg. Sie meinte, durch ihn hindurch sehen zu können, anstatt seines Kopfes konnte sie die blauen Polster der Rückenlehne sehen. Dann wurde ihr Sicht wieder klar, doch gleich darauf versank sie in seinen Augen, sein Gesicht verschwand, die Ahnung eines grauen Totenschädels wurde für Sekundenbruchteile sichtbar, und gleich darauf war alles wieder normal.
Plötzlich war sie sich sicher, dass sie die Reaktionen des Mannes kontrollieren konnte. Sie wünschte sich, er solle nun wieder aus dem Fenster sehen. Er tat es. Sie probierte es noch einmal. Nun wollte sie, dass er sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand über den Nasenrücken fuhr, so als ob es ihn dort juckte. Er tat genau das. Gänsehaut breitete sich von ihrem Rücken sternförmig am ganzen Körper aus. „Sieh mir in die Augen.“, dachte sie, und er wandte den Kopf vom Fenster ab, sah ihr in die Augen und dachte: „Du kannst mich nicht kontrollieren. Ich kenne deine Gedanken. Ich kontrolliere dich.“ Ihre Ohren hatten nichts gehört. Er lächelte. Grinste. Ihr wurde übel.
„Ich muss mich mit irgendwas angesteckt haben,“ sagte sie zu dem jungen Mann, „mir ist gar nicht gut.“ Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie hörte ihn irgendwo herum kramen. Sie wusste, er würde ihr eine Tablette anbieten. Als er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte, tippte er sanft gegen ihren Knöchel. Eine heiße Welle stieg von dort ihren Körper hinauf. Sie öffnete die Augen. Er hielt einen Streifen Tabletten und eine Mineralwasserflasche in der Hand. „Möchten Sie vielleicht eine Parkemed? Habe ich immer dabei, hilft immer.“
Ihre verrückten Gedanken beiseite schiebend, nahm sie beides an und spülte die Pille mit einem kräftigen Schluck hinunter. Sofort fühlte sie sich besser. Konnte sie so schnell wirken? Wieder trafen sich ihre Augen mit denen des jungen Mannes. „Ich hätte auch gerne ein Souvenir von ihnen.“, lächelte er.
Nach kurzem Überlegen stand sie auf und ging auf die Toilette. Dort schloss sie ab, schob ihren Rock hoch, hakte ihren Strumpfhaltergürtel auf, löste ihn von den Strümpfen, ließ den Rock wieder fallen und barg den Gürtel in ihrer Faust. Den Rock ließ sie wieder hinunter gleiten. Die Strümpfe würden halten, bis sie zu Hause ankam. Ob der junge Mann die Botschaft verstehen würde? Noch niemals in ihrem Leben hatte sie etwas so Gewagtes getan, aber heute musste es sein.
Sie kehrte zu ihrem Platz zurück, setzte sich wieder, beugte sich zu dem jungen Mann hinüber und stopfte ihren Gürtel in die Tasche seines Sakkos. „Wehe, Sie holen das jetzt heraus!“, flüsterte sie ihm dabei ins Ohr. Dass sie ihm dabei einen tiefen Einblick in ihren Ausschnitt gewährte, war ihr bewusst.
Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, ihr Herz schlug heftig, als er mit der Hand in seine Sakkotasche fuhr und nach dem Gegenstand tastete, den sie hinterlassen hatte. Zuerst Ratlosigkeit, dann ein breites Grinsen. Und wieder verschwand sein Bild vor ihren Augen.
An der Endstation des Zuges sprach der Schaffner die junge Frau, die offenbar eingeschlafen war, zuerst leise, dann immer lauter an. Sie wollte nicht wach werden. Als er sie sanft auf die Schulter tippte, kippte sie zur Seite, ihr langes schwarzes Haar floss vom Sitz bis auf den Boden. Der Schaffner tastete nach ihrer Halsschlagader, fühlte keinen Puls, holte sein Mobiltelefon heraus und rief seinen Vorgesetzten.
Die Polizei fand später eine rote Seidenkrawatte in der Handtasche der toten Frau. Auf dem Fensterplatz ihr schräg gegenüber lag ein Strumpfhaltergürtel der Marke Triumph, Modell Tender Temptation, in der Farbe rococo.

Von Schnee bedeckt

Posted: August 4, 2008 in Krimis

Ausschnitt aus einem noch unveröffentlichten Kriminalromen mit dem vorläufigen Arbeitstitel

“Von Schnee bedeckt”

von Herbert Dutzler

Ich machte mich auf zur Stunde in meiner siebten Klasse. Ich rechnete damit, dass sie während der beiden ersten Stunden bereits ausgiebig Gelegenheit zum Tratsch über den Selbstmord gehabt hatten. Deswegen hoffte ich, ich würde etwas Vernünftiges mit der Klasse anfangen können.

Ich sperrte das Konferenzzimmer auf, um meinen Kram für die siebte zu holen. Überall standen kleinere und größere Grüppchen von Kollegen und Kolleginnen herum, über das Thema ihres Smalltalks musste ich mir keine Gedanken machen. Ich vermied, mich einer Gruppe anzuschließen, packte mein Englischbuch, meine CDs, einen der herumstehenden CD-Player (hoffentlich würde er funktionieren, das konnte man nie vorhersagen), meine Mappe und mein Schreibzeug und schob mich, nachdem es mir gelungen war die Tür zu öffnen, obwohl ich an beiden Armen schwer beladen war, auf den Gang.

Nach zwei Minuten, in denen ich an sechs Stellen stehen geblieben war, um Schülergrüppchen und -horden, die noch auf dem Gang Krawall machten, in ihre Klassen zu scheuchen, kam ich in der 7B an. Eine Gruppe von Schülern drängte sich um ein geöffnetes Notebook, auf dem wohl irgend ein Ballerspiel lief, und ein paare andere stopften sich hastig die Überreste ihrer Leberkäsesemmeln ins Gesicht. Im Prinzipaber war es eine gutwillige Klasse, du so stoben sie sofort zu ihren Sitzplätzen und warteten – teils kauend – auf mein Kommando „Please take your seats.“ Das Aufsteh- und Setzritual war mir als junge Lehrerin völlig absurd vorgekommen. Jetzt aber wusste ich es zu schätzen, weil für alle damit eindeutig klar gestellt wurde: „Jetzt ist die Lehrerin da, jetzt beginnt die Stunde.“ Und sie begann mit einer Beschwerde.

Max meldete sich zu Wort, wie immer ohne aufzuzeigen. „Wann kriegen wir die Schularbeit zurück?“ Es war mir nicht zu dumm, ihn zuerst darüber aufzuklären, dass dies die Englischstunde sei, dass er sich daher bei Anfragen der englischen Sprache zu bedienen habe, dass Anfragen durch Handzeichen angekündigt zu werden pflegen und dass sie das Wort „Please“ im Satz zu führen hätten.“ Ich erklärte ihm, dass sie Schularbeit am Freitag gewesen sei, dass wir heute Donnerstag hätten, und dass sie daher die Schularbeit spätestens morgen zurückbekommen würden, so, wie es das Gesetz vorsieht. „Sie müssen die Schularbeit innerhalb einer Woche zurück geben!“ begehrte er neuerlich auf, und ich erklärte ihm nochmals – auf Englisch – dass ich das eben zugesagt hätte. Ich wollte den Streit allein aus Zeitgründen nicht auf die Spitze treiben und ihm etwas entgegenkommen, also entschloss ich mich, auf Deutsch zu antworten. „Max,“, log ich „bitte versteh: Ich hatte sie schon fast fertig korrigiert, aber gestern erfuhren wir vom Tod unseres Direktors. Ich war wirklich schlecht drauf, das kannst du dir doch vorstellen. Und ich garantiere eine Rückgabe morgen.“ Er antwortete nicht, doch sein Blick verriet, dass er gerne weitergekämpft hätte – diesen sturen und bockigen Ausdruck kannte ich zur Genüge.

Es war typisch für ihn – er, der selbst niemals Termine einhielt, der Schularbeiten verpasste, häufig fehlte – gerade er bestand auf frühest möglicher Rückgabe der Schularbeiten. Obwohl er nicht viel zu hoffen hatte. Er bereitete sich selten auf Arbeiten vor und machte zudem viel zu viele Fehler. Diese Schularbeit war die erste im Schuljahr gewesen, und es war ihm wohl noch nicht ausreichend bewusst geworden, dass er bisher aber auch gar nichts geleistet hatte, was zu einer positiven Beurteilung hätte führen können.

Max Walkner. Lang, sehr dünn, lange, meist fettige Haare, die gelegentlich zumindest eines seiner dunklen Augen verdeckten. Er wirkte oft sehr müde, so, als ob er die Nächte nicht mit Schlafen verbringen würde, und war meist nachlässig bis abgerissen gekleidet. Wenn er sich gepflegt hätte, hätte er ein hübscher Bursche sein können. Er war das erste Jahr in dieser Klasse, wir hatten ihn von einer katholischen Privatschule geerbt, die ihn hinausgeworfen hatte. Wofür und warum, das war zumindest mir nicht klar, denn Hölzl hatte uns nicht näher darüber informiert. Privatschulen machen es sich in dieser Hinsicht leicht: Sie warfen Schüler ohne Angabe von Gründen jederzeit hinaus, wenn ihnen an der Person irgendetwas nicht zusagte. Lehrer übrigens auch. Eine paradoxe Situation, denn die Lehrerinnen und Lehrer werden vom Staat bezahlt, müssen sich aber einem ungeschriebenen katholischen Dienstrecht unterwerfen. Einer der Gründe, warum ich aus der Kirche ausgetreten war und mich glücklich schätzte, nicht an einer Privatschule unterrichten zu müssen. Die Gewerkschaft – dank glanzvoller Funktionäre wie zum Beispiel Hölzl – hatte es nie für nötig gehalten, gegen diesen paradoxen Zustand zu kämpfen.

Max Walkner also. Aggressiv, provokant, nachlässig, keine Arbeitshaltung. Er kam aus einem so genannten „guten Haus“, seine Mutter war Ärztin, allein erziehend, und da sie im Krakenhaus arbeitete, konnte man davon ausgehen, dass Max viel sich selbst überlassen war. Sie hatte einmal auf einem Elternsprechtag darüber geklagt, dass sie nicht wisse, wie sie mit Max umgehen sollte. Sie war klein, dunkelblond, sympathisch, aber sie wirkte ausgebrannt und deprimiert. Die vielen Probleme mit dem Sohn hatten ihr wohl sehr zugesetzt. „Er tut, was er will.“, hatte sie damals geklagt. „Ich bringe ihn nicht dazu, sich an Regeln zu halten. Wenn ich damit drohe, ihm kein Geld mehr zu geben, wird er aggressiv.“ Sie hatte es nicht leicht mit diesem Burschen, ebenso wenig wie wir. Dennoch, manchmal hatte man das Gefühl, dass er immer noch damit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit Erwachsener auf eine Art auf sich zu ziehen, dass man denken konnte, er suche einen Mutter- oder Vaterersatz. So zumindest nach meiner Hausfrauenpsychologie.

Ich wollte mit der Klasse heute, nach der ersten Schularbeit, ein neues Thema angehen und versuchte zu ignorieren, dass Max eines seiner Ohren mit einem iPod-Kopfhörer zustöpselte.

Ich versuche oft , an ein neues Thema mit einem Überraschungseffekt heranzugehen, und legte eine Folie auf den Overheadprojektor. Es war eine Reproduktion des Bildes „Der Jungbrunnen“ von Lukas Cranach. Ich verstehe nicht viel von Kunst, aber ich hatte das Bild ausgewählt, weil es einerseits in ganz klassischer Manier alter Meister gemalt war, sich andererseits auf ihm zahlreiche nackte Menschen tummelten. Meine Absicht war, zu thematisieren, wie und warum Nacktheit auch heute noch oft so provokant wirkte, dass sie Diskussionen über künstlerischen Wert einer Arbeit kaum zuließ.

Auf die Tafel schrieb ich dazu das Wort „ART“ mit einem Fragezeichen dahinter.

Meine Klasse wusste ohne Aufforderung, was sie zu tun hatte: Sie konnten entweder stichwortartig auf der Tafel dazu Stellung nehmen, eine spontane mündliche Aussage dazu machen oder aber eine mündliche Aussage in Form einer mind-map vorbereiten. Ich wusste, dass die Mehrzahl meiner Schüler, was Kunst betraf, eher konservativ war, und wartete gespannt auf die Ergebnisse. Natürlich war als Überraschungseffekt auch die Frage geplant, warum Cranach vor etwa 500 Jahren nackte Menschen malen konnte, während heute noch manche Konservative – vor allem prominente Hetzblätter – Probleme mit Brüsten, Hintern und Penissen in der Kunst hatten.

Die Reaktionen waren durchaus im Bereich des Vorhersehbaren – Beate etwa meinte, das Bild sei auf jeden Fall Kunst, weil es dem Maler gelungen wäre, die Sache klar und „realistic“ darzustellen. Auf eine Realismusdebatte konnte und wollte ich mich nicht einlassen. Ich stimmte ihr zu, versuchte nur, ihr Stellungnahme sprachlich etwas aufzupeppen, sodass sie jene Wörter lernen konnte, mit denen man das, was sie sagen wollte, besser ausdrücken konnte.

Andere wieder nannten das Bild „old-fashioned“. Ich stimmte ihnen insofern zu, als es wohl „old“ sei, aber Alter für mich kein Qualitätsmerkmal darstelle – weder positiv noch negativ.

In solchen Debatten war es oft schwierig, als Lehrerin einen sinnvollen Grat entlang zu wandern: Einerseits brauchten Jugendliche unbedingt Zuspruch. Damit sie sich äußerten, musste man ihnen das Gefühl vermitteln, ihre Meinung werde ernst genommen, akzeptiert, als gute Idee erkannt. Andererseits musste man auch versuchen, ihre Gedanken behutsam in Richtungen zu lenken, in die sie bisher nicht gedacht hatten. In der Fremdsprache kam noch dazu, dass ich ihre Statements oft in anderen Worten wiederholte, um sprachlichen „Input“ zu erzeugen. Das wiederum sollte natürlich nicht dazu führen, dass sich Schülerinnen ständig korrigiert fühlten.

Florentina war die Exotin in der Klasse: Sie strickte und trug ihr selbst Gestricktes auch: Ich ließ sie stricken, denn es half ihr offenbar beim Denken. Sie war den meisten anderen intellektuell bei weitem überlegen.

„Of course it’s art.“, sagte sie, von ihren Stricknadeln aufschauend. Ich mochte sie nicht nur wegen ihrer soliden Beiträge im Unterricht, sie erschien mir manchmal auch als eine jüngere Ausgabe von mir selbst. Sie war völlig unangepasst, hatte ebenso wilde Haare wie ich, die sie mit einem Band am Hinterkopf zu kontrollieren versuchte, war frech und scharfsinnig. Sie ließ sich schon in ihrem Alter von Männern keinen Unsinn verzapfen und war so zu schlechten Betragensbeurteilungen von mehreren männlichen Kollegen gekommen. „For the time he lived in it must have been innovative. Otherwise people wouldn’t have been interested. Today, you must see it in its historical context.” Ja. Das war’s. Ich bezweifelte aber, dass die meisten anderen überhaupt genau verstanden hatten, wovon sie redete.

Insgesamt verlief die Debatte sprachlich ergiebig. Am Ende hatten sich alle 18 in inrgendeiner Weise sprachlich zu einem doch recht sperrigen Thema geäußert. Eine der wenigen, die sich trotz ihrer Strickerei Notizen machte, war Florentina. Ich predigte zwar meinen Schülerinnen immer und immer wieder, dass sie sich Verlauf und Ergebnisse von Gesprächen kurz notieren und dann übersichtlich archivieren sollten – aber offenbar mussten sie selbst erst einmal ausgiebig auf die Nase fallen, bevor sie das wirklich wahrhaben wollten und begriffen.

Zum Thema, warum das Bild trotz der zahlreichen nackten Menschen offenbar keinen Skandal verursacht hatte, fiel meiner Klasse wenig ein, meine Nachfrage hatte nur betretenes Schweigen zur Folge. Als sprachliche Reaktionen konnte ich dennoch mehr als nur Schulterzucken verbuchen: Immerhin gab es einige „don’t knows“ und „No ideas“, auch ein „how should we know“, die demonstrierten, dass die sprachliche Kompetenz, Nichtwissen zu kommunizieren, einigermaßen akzeptabel ausgeprägt war.

Als zweites Bild legte ich eine Folie von Piet Mondrians „Komposition mit Rot, Gelb und Blau“ auf den Overhead und wartete gespannt auf Reaktionen. Mondrians Bilder sind hervorragend dazu geeignet, Reaktionen in der Art „Das kann jedes kleine Kind malen“ hervorzurufen.

Fast erstickte Florentina meine Absicht. „It’s a Mondrian picture. We talked about him in art. He tried to reduce everything to basic forms.” Ach Gott, sie hatte es schon wieder auf den Punkt gebracht, würde jetzt noch jemand überhaupt etwas sagen wollen?

Max, der sich bis jetzt demonstrativ unbeteiligt verhalten hatte, öffnete seinen Haarvorhang, in dem er ein paar Strähnen hinter die Ohren schob.

„Das ist keine Kunst, das ist Scheißdreck.“ Ich war über seine Reaktion so verblüfft, dass ich nicht als erste reagierte. „Halt doch du die Pappen, du Nazi!“ Sabine, Florentinas Nachbarin und Freundin, war schneller als ich. Sie war nicht so brillant wie ihre Freundin, aber sie war die Frau für’s Grobe, die oft unangenehme Wahrheiten in einfache Worte verpackte. Ziemlich laut, und ziemlich energisch schickte sie noch ein paar Beschimpfungen hinten nach. Es ging in Richtung auf einen Tumult zu. Einige reagierten auf Sabine, einige widersprachen ihr, kaum hörte ich Stimmen, die direkt an Max gerichtet waren, der wieder abwesend, wie vorher, auf seine Tischplatte starrte. Ich versuchte mit Händen und Stimme, die Klasse wieder einzufangen. Jetzt nur die Ruhe bewahren. Beiden – Max und Sabine – musste ich erklären, dass sie nicht ihre persönlichen Gefühle in den Vordergrund stellen sollten, sondern zur Sache und in sachlicher Wortwahl Stellung beziehen sollten. Ich redete von „arguments“ und „facts“, die ich lieber hören wollte als Schimpfwörter, noch dazu, wenn sie nicht Englisch waren. Ich merkte selbst, dass ich mich emotional und etwas chaotisch äußerte, weil mich die aggressive Stellungnahme von Max ziemlich erschrocken hatte. Was war mit dem Knaben los? Welche Aggressionen brachen sich da Bahn, indem er auf ein so harmloses Kunstwerk losgeiferte? Ich sprach ihn noch einmal direkt an, und zwar auf Deutsch, ich fürchtete, wenn ich ihm wieder mit Englisch kommen würde, würde er sich noch mehr verschließen. „Max, wenn dir etwas nicht gefällt, solltest du einfach sagen, dass es so ist, und das zu begründen versuchen. Du solltest nicht Schimpfwörter verwenden, um etwas pauschal abzuwerten. Schon gar nicht, wenn es sich um Kunst handelt, die von den Nazis als „entartet“ eingestuft wurde, du weißt ja, was das hieß. Deshalb hat sich Sabine auch so aufgeregt.“

Er sah gar nicht zu mir auf. „Die Frau Professor Hellmayr und sie, sie erzählen uns immer diesen ganzen linken Scheiß. Sie wollen uns nur manipulieren. Das ist alles Scheiß, keine Kunst. Die Bilder nicht, und die Scheißliteratur, die sie mit uns lesen auch nicht.“ Es war eigenartig, wie er sich in Wut redete. Er sah immer noch auf seine Tischplatte, und ich sah nur seine Arme, die sich steif und verkrampft bewegten. Den Kopf sieß er bei fast jedem Wort ruckartig nach unten, so, als koste es ihn große Überwindung zu sprechen. Mit dem letzten Wort packte er seine Tasche und ging, ohne jemanden in der Klasse noch einmal anzusehen.

Jetzt war ich so weit, dass mir die Spucke wegblieb. „Was war das jetzt?“ fragte ich verdattert in die Klasse. Thomas, ein sehr reif wirkender, zurückhaltender Schüler aus der ersten Reihe, versuchte mich zu beruhigen. „Der spinnt doch schon lange. Machen Sie sich nichts draus. Wir wissen auch nicht, was er hat.“ Florentina legte ihr Strickzeug zur Seite. „Ich finde ihn nicht mehr harmlos. Seit ein paar Wochen hat er immer wieder solche Anfälle. Und erst seit ein paar Wochen klopft er auch solche Nazisprüche. Keine Ahnung, wo er die her hat, aber sie kommen immer öfter und wirken eingedrillt. Ich finde das nicht harmlos.“

„Glaubt ihr, dass er Kontakt zu echten Neonazis hat, oder hat er sich das nur angelesen?“

„Er hat ja zu niemandem in der Klasse wirklich Kontakt. Wir sehen ihn ja außerhalb der Schule nicht, ich zumindest habe ihn nie außerhalb der Schule gesehen, seit er bei uns ist.“, sagte Sabine.

„Ich habe Angst vor ihm.“ Das war kein Wunder, Clara, unsere verträumte Verschwörungstheoretikerin, hatte vor nahezu allem Angst, angefangen von Spinnen bis zu Tunnels. „Wenn man ihm in die Augen schaut, das ist das nackte Grausen.“ Sie hatte eindeutig zu viele Fantasy- oder Horrorromane gelesen.

Ich machte der Klasse klar, dass man aufgrund von ein paar solchen Sprüchen niemanden als Neonazi abstempeln sollte, dass man aber klar dagegen auftreten und seinen eigenen Standpunkt entgegenhalten sollte. Ich warnte auch davor, Max aus der Klassengemeinschaft zu drängen, denn das würde seine radikal Haltung nur noch verstärken.

„Sie sind gut!“ Sabine fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. „Hinausdrängen! Wie soll man jemanden hinausdrängen, der sich selbst nicht die geringste Mühe gibt, dazuzugehören? Er schaut uns ja immer nur böse an, und wenn er redet, dann versteht man ihn nicht, und zuhören kann er schon gar nicht.“

Die Glocke erlöste mich von einer weiteren tieferen Verstrickung in Probleme der Klasse mit Max, seine Probleme mit mir und meine mit allem zusammen.

Ich versuchte einen positiven Abschluss. „Wir sind alle ein bisschen nervös, wegen der Geschichte mit unserem Direktor. Wir sollten nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, das in so einer angespannten Situation gesprochen wird. Ich bin ja auch ein bisschen durcheinander. Aber immerhin – es ist uns gelungen, eine ganze Schulstunde nicht über Direktor Hölzls Tod zu sprechen.

Unglaublich, wie oft ich mich in den letzten 20 Stunden bemüht hatte, nicht von einem Selbstmord zu sprechen. Ich hatte alle nur denkbaren Umschreibungen vom „Unglück“ über den „Vorfall“ bis gerade eben zur „Geschichte“ abgenutzt, nur, um nicht einfach und ehrlich vom „Tod“ sprechen zu müssen. Wann würde ich beim „tragischen Freitod“ angelangt sein?

Als ich vor dem Konferenzzimmer ankam, trat ich wie üblich mit dem Fuß gegen die Tür. Ich hatte beide Arme voll beladen, und eine Abstellmöglichkeit, außer auf dem Boden, gab es nicht. Die Kollegen, die in der Nähe der Tür ihr Plätze hatte, wussten schon, worum es ging, und Andrea machte mir die Tür auf. „Hast du es schon gelesen?“ Sie war scharf drauf, mir eine Neuigkeit mitteilen zu können. „Was denn?“ „Den Artikel. Über Hölzl.“ Andrea war eine, mit der ich kaum jemals viel geredet hatte. Sie unterrichtete Mathematik und Physik und war jung, groß, ein wenig schwerfällig und, so wie ich, allein stehend. Aber bei ihr hatte ich das Gefühl, sie habe gar kein Interesse an Männern. „Welchen meinst du? Ich hab heute morgen die Salzburger Tageszeitung gelesen.“ „Nein, den mein ich nicht, den im Massenblättchen.“ Sie zeigte auf eine Gruppe eng zusammen stehender Leute, die offenbar alle versuchten, im gleichen Exemplar unseres unsäglichen Kleinformats zu lesen.

„Und was steht drin?“, fragte ich pflichtschuldigst, aber eigentlich hatte ich jetzt große Lust, mich ein wenig hinzusetzen, einen Schluck Wasser zu trinken und nichts zu hören und zu denken. „Na, ein großer Weihwasserartikel, Tränendrüse, großer Schulmann, und so weiter.“ „Also nichts, was nicht zu erwarten gewesen wäre.“ Jetzt hatte ich Andrea enttäuscht, mein mangelndes Interesse an ihrer Story führte dazu, dass sie ihr Gesicht ein wenig verzog und zu ihrem Platz, drei Stühle weiter, zurück kehrte.

Ich ließ mich nieder und sah zu dem Grüppchen hin, das in die Zeitungsstory vertieft war. Brigitte kicherte. „Unersetzlicher Verlust!“ wiederholte sie kopfschüttelnd. Anscheinend war es mit der pietätvollen Rücksichtnahme gegenüber Hölzl schon nicht mehr sehr weit her. Brunmayr, der das Blatt hielt, war in meinen Augen der größte Idiot, mit dem ich im Konferenzzimmer zusammen leben musste. Er war selber Deutschlehrer und bezeichnete den Stil des Blattes als „schwungvoll“ und „schmissig“, mehr hatte er seinen Schülern an Medienanalyse offenbar nicht zu bieten. Er war auch wahrscheinlich der einzige Lehrer unserer Schule, der das Blatt kaufte, mit brachte und offen auf seinem Tisch liegen ließ. Trotz der Jahre, die er in unserem „Lehrkörper“ – ein wirklich schöner Begriff – verbracht hatte, war es ihm noch nicht klar geworden, dass er sich selbst in einer konservativ-intellektuellen Umgebung wie hier mit seiner unverhohlenen Bewunderung des Blattes zum Außenseiter machte. Meine Theorie war, dass er selbst gerne für gutes Geld für dieses Blatt schreiben würde und sauer darüber war, dass er es nicht zum hoch bezahlten Boulevardjournalisten gebracht hatte.

Nach zwei weiteren Stunden war mein Schultag für heute beendet, wenn ich davon absah, dass ich mich um halb drei mit Christian in der Direktion treffen wollte.

Ich vertrieb mir die Zeit zunächst mit der Korrektur von Hausübungen, später wollte ich in der Stadt eine Kleinigkeit essen gehen. Zu meinen revolutionären Theorien gehörte auch, dass ich es nicht mehr für sinnvoll hielt, Hausübungen von Schülerinnen mit Rotstift zuzukleistern, um sie anschließend dazu zu verdammen, fein säuberlich jeden Fehler zu „verbessern“. Völlig unrealistisch – wer hat Motivation, sich mit offensichtlich nicht Gelungenem – siehe Rotstift – weiter zu beschäftigen? Und dann die ständige Frage „Muss ich das verbessern?“ Die hing mir schon lang zum Hals heraus. Ich hatte mir gesagt, dass es im wirklichen Leben so zuging, dass man dem Autor eines misslungenen Textes Vorschläge macht, wie es besser gehen könnte – und ihn darauf aufmerksam macht, wenn der Text außer inhaltlichen und stilistischen Mängeln noch sprachliche oder Schreibfehler enthielt.

So kam ich darauf, meinen Schülern unter ihre Arbeit kurze Texte zu schreiben, in denen ich meine Vorschläge unterbreitete. Natürlich in lila oder grün – das fanden vor allem psychologisch gebildete Muttis so human. Diese Texte sollten als Grundlage für eine Komplettüberarbeitung dienen. War natürlich einfach, wenn ältere Schüler auf dem PC schrieben, jüngere oder Fans der Handschrift mussten halt alles noch einmal schreiben. Aber es hatte Sinn.

Ein kleines Problem dabei war meine eigene Handschrift. Mit der hatten es Schülerinnen nicht immer leicht. Aber so, wie ich mich an ihre Handschrift gewöhnen musste, mussten sie sich eben an meine gewöhnen.

Nach einer halben Stunde merkte ich, dass Brunmayrs Revolverblatt unbeachtet auf seinem Platz lag. Niemand in der Nähe. Das war meine Chance.

Ich schlich hinüber, holte mir die Zeitung und legte sie flach auf meinen Platz, unauffällig eingebettet in Hausübungshefte und Mappen.

Sie hatten ihm Seite vier gegeben, gegenüber dem täglichen Nacktfoto. Wie geschmackvoll. Aber ich musste zugeben, die Dame hatte eine ausgezeichnete Figur. Eine, die mich zum Seufzen brachte.

Das Foto von Hölzl war auch nicht schlecht, es war ein anderes als das in der Salzburger Tageszeitung. Offenbar hatte man es aus einem Maturafoto heraus vergrößert, dennoch war es sehr scharf geworden. Man konnte links von seinem ein unbedecktes Knie erkennen, offenbar eine Rockträgerin (wer? es war ein schönes Knie!), rechts ein Bein in einer Anzughose. Über seinem Kopf die Knopfreihe eines Sakkos.

Unsympathisch wirkte er nicht, wie er so in die Kamera lächelte, genau wie auf dem ersten Foto, das ich von ihm heute gesehen hatte. Beide Fotos hatten auf mich fremd gewirkt. Ich hatte in ihnen nicht die Person sehen können, über die ich mich jahrelang so oft geärgert und empört hatte. Kam das daher, dass der abgebildete Mann tot war? Ein seltsames Gefühl, das ich kaum kannte – jemand, mit dem du beinahe täglich zusammentriffst, ist tot, weg, kommt nicht wieder.

Zwei andere Fotos gab es auch noch: Eines zeigte ein weinendes Mädchen, das sich gerade mit dem Handrücken über das rechte Auge wischte. Ich konnte sie nicht erkennen. Die Bildunterschrift lautete „Schüler in Trauer“. Obwohl doch eindeutig eine Schülerin zu sehen war. Ich ging einmal davon aus, dass man hier ein beliebiges Archivfoto hergenommen hatte, niemand würde beweisen können oder wollen, dass es sich nicht um eine Schülerin unseres Gymnasiums handelte. Das zweite Foto zeigte Irene. Sie war offensichtlich gerade aus der Schule gekommen, im Hintergrund konnte man den Eingang der Schule sehen, die Tür, durch die sie gekommen war, war noch einen Spalt offen. Die Hand hielt sie dem Fotografen entgegengestreckt, als ob sie ihn abwehren wollte, und so verdeckte sie den Großteil ihres Gesichts, das im Vergleich zur Handfläche klein erschien. Ich erkannte sie an ihrem Mantel und den Stiefeln, ein bisschen was konnte man auch noch von ihrer blonden Haarpracht sehen. Wahrscheinlich hatte der Fotograf gewartet, bis ihm attraktives „Frischfleisch“ vor die Linse gelaufen war. Viel Glück hatte er dennoch nicht gehabt. Bildunterschrift: „Eine verzweifelte Lehrerin konnte nicht mit uns sprechen.“

Der Titel war schon gelungen „Populärer Pädagoge – Tragischer Freitod!“, natürlich nicht ohne das unvermeidliche Rufzeichen. Die Anreißerzeile war auch nicht von schlechten Eltern: „Letzter Blick auf die geliebte Mozartstadt – dann der Sprung!“

Da musste wirklich ein Meister seines Faches am Werk gewesen sein. Brunmayr war sicherlich vor Neid erblasst, als er die Story gelesen hatte.

„Zwei erwachsene Söhne und seine attraktive Witwe trauern um Hofrat Mag. Viktor Hölzl, Direktor des Bundesgymnasiums Nonntal. Wie erst jetzt bekannt wird, hatte sich der beliebte Bildungsexperte Samstag Abend in selbstmörderischer Absicht vom Mönchsberg gestürzt – direkt in die Arme seiner geliebten Heimatstadt.“ Jetzt war das Bild schon gewaltig verrutscht. So stilsicher war der Kollege der schreibenden Zunft anscheinend doch nicht. „Vier lange Tage blieb sein Tod allen verborgen, die um seinen Verbleib rätselten – von der Familie, über die Schüler und die Lehrer seiner Schule ließ er alle in tiefer Sorge – aber sie sollten ihn nicht mehr lebend zu sehen bekommen.“ Ich für meinen Teil konnte gerne auch auf den Anblick der Leiche verzichten. Übrigens stand da tatsächlich „Lehrer“ – hatte der Schreiber gewusst, dass die Sorge bei den weiblichen Mitgliedern des Lehrkörpers etwas weniger ausgeprägt war?

In ähnlicher Tonart ging es weiter: Das ganze war ein Rührstück übelster Sorte, das von falschem Mitleid nur so triefte. Spekulationen über die Ursache des Selbstmords wurden nicht einmal am Rande angerissen.

Eine solch sentimentale Story hatte ich mir nicht erwartet, manchmal war auch das Massenblatt in Selbstmordfällen erstaunlich nüchtern, diesmal nicht. Was wohl dahinter steckte? Wollte sich jemand mit feiner Klinge über Hölzl lustig machen, musste man den Text als Realsatire ansehen? Ich war verwirrt, schmiss das Blatt zurück auf Brunmayrs Platz und stand auf, um mir meinen Mantel zu holen.

Als ich draußen war, konnte ich wieder klarer denken, die kalte Winterluft tat mir gut. Vor der Schule schossen ein paar Schüler mit Schneebällen aufeinander. „Wehe, wenn ihr mich trefft!“ Einer zielte im Spaß auf mich, aber er traute sich doch nicht zu werfen. Ein anderer zerrte gerade einen massiven Eisbrocken von einem Haufen, den ein Schneepflug zusammen geschoben hatte, und rannte damit einigen anderen hinterher, den Brocken hoch erhoben. „He, spinnst du?“ schrie ich ihm nach. Umsonst. Schon hatte der Brocken einen kleineren Schüler am Rücken getroffen. Der heulte vor Schmerz auf und wollte sich auf den Angreifer stürzen, der in meine Richtung flüchtete. „Und was sollte das jetzt?“ zischte ich ihn wütend an. Er grinste. „War nur Spaß.“ Alles war nur Spaß. Auch wenn einer beim Fußballspielen gegen die Wand gedrückt wurde, dass der Schulwart danach eine Blutlache aufwischen musste. Auch wenn …. Ach was. „Lass dich ja nie mehr bei so etwas erwischen!“ fauchte ich ihn an. „Ein Eisbrocken ist kein Spaß! Ein Schneeball, aus fairer Distanz geworfen, ist ein Spaß! Ein Eisbrocken auf den Rücken geknallt ist Körperverletzung!“ Er senkte schuldbewusst den Kopf. Den Zerknirschten zu spielen hatte er offensichtlich schon gelernt. Das Opfer saß auf dem Boden und jammerte. „Wo tut’s weh?“ „Geht schon,“, stöhnte er, stand auf und trollte sich.

Ob mein Eingreifen einen Sinn gehabt hatte, das fragte ich mich oft. Aber wenn den Kindern niemand sagte, dass sie immer wieder andere verletzten, ob mit Worten oder körperlicher Gewalt, würden sie es nie begreifen. Deswegen hörte ich nicht auf, mich einzumischen. Ich könnte nicht an Kindern vorbeigehen, die aufeinander einprügeln, ohne zu reagieren.

Es gab Kollegen, die konnten das.

Selbst Christian konnte wegschauen. Er hatte mir einmal erzählt, dass er als junger Lehrer einen Schüler von seinem Opfer weggerissen hatte, das er durch eine wilde Attacke von hinten zu Fall gebracht hatte. Dann hatte der Angreifer dem Liegenden mit den Füßen in die Seite getreten. Christian hatte den Angreifer am Kragen gepackt, vor die Eingangstür geschleppt und wutentbrannt zur Rede gestellt. Es sei nur Spaß gewesen, hatte der geantwortet. Anderntags hatte es eine Beschwerde beim Direktor gegeben: Der Vater war Anwalt und gehörte dem Salzburger Großbürgertum an. In einer Krisensitzung musste Christian vor dem Direktor, den Eltern und dem Täter Rechenschaft ablegen: Selbstverständlich könne ihr Sohn so eine Tat nicht begangen haben. Auch das Opfer habe, befragt, zugegeben, es sei nur Spaß gewesen. Die Opfer gaben das immer zu – meist aus Angst, ihre Peiniger noch mehr zu provozieren, wenn sie Hilfe suchten. Christian hatte auf seiner Sicht des Vorfalls bestanden – er habe als einziger gesehen, was tatsächlich passiert sei, so sein Standpunkt, alle anderen wüssten nur aus zweiter Hand darüber oder verträten eigene Interessen.

Der Direktor habe Penninger Gott sei Dank den Rücken gestärkt – und Christian hatte sich den Eltern gegenüber aus der Affäre gezogen, indem er sagte, er hätte aus dem Vorfall gelernt. Er hatte ihnen allerdings nicht gesagt, was. Als der gleiche Schüler wenige Wochen später am Schulbuffet einen Mitschüler von hinten attackierte und niederriss, sah Penninger weg.

Ich ging in die Innenstadt. Ich war immer noch verliebt in diese Stadt, mochten andere auch noch so viel über sie schimpfen. Es gab nur wenige, denen gegenüber ich zugeben durfte, dass ich den Salzburger Christkindlmarkt auf dem Domplatz liebte. Das galt in intellektuellen Kreisen als höchst unschick. Man ging allerhöchstens nach Hellbrunn oder St. Leonhard, um dort Charity-Punsch von aufgezäumten Society-Ladies serviert zu bekommen. Oder man ging auf den Christkindlmarkt, um sich über die fast nur noch italienisch sprechenden Standlerinnen und den „grauenhaften Kitsch“ zu amüsieren.

Vielleicht hatte es etwas mit meiner Herkunft als Landei zu tun. Als ich als junge Studentin in diese Stadt gekommen war und zum ersten Mal über den verschneiten Christkindlmarkt ging, war das ein überwältigendes Erlebnis: Die vielen Lichter, die beeindruckenden Fassaden von Dom und Domplatz im Licht zahlreicher Scheinwerfer, die Glöckchen, die Gerüche. Ich war eine hoffnungslose Weihnachtsromantikerin und verfiel regelmäßig in Melancholie, wenn ich nach Weihnachten über den Platz musste und die Marktfahrer ihre Stände zerlegten.

Mir selbst gegenüber hatte ich kein schlechtes Gewissen: Ich musste all das zur Aufhellung meiner Stimmung hernehmen, was ohne Nebenwirkungen und ohne Rezept zu haben war – auch wenn andere es noch so kitschig fanden.

Also begab ich mich auch in dieser Mittagsstunde auf eine Runde zwischen den Ständen, wo heute, an einem Donnerstag kurz nach Adventbeginn, noch nicht schrecklich viel los war. Warum sollte ich mir keinen Punsch kaufen? Kalt war mir ohnehin. Als ich meinen Becher in der Hand hatte, sprach mich einer an: „So allein, Frau Professor? Schrecklich, nicht wahr, diese Geschichte mit ihrem Herrn Direktor. Furchtbar. Furchtbar.“ Oh nein. Der grauenhafte Dr. Wissenig. Der mir immer, wenn er in eine Sprechstunde kam, so unverhohlen auf den Busen starrte, dass man meinte, es würde ihm gleich der Geifer aus dem Maul tropfen. Der Dr. Wissenig, dessen vertrottelter Sohn bei seinem Referat über New York, das er als Spezialgebiet für seine Matura gewählt hatte, nicht einmal die gängigsten touristischen Attraktionen des „Big Apple“ hatte aufzählen können. Nicht zuletzt der Dr. Wissenig, dessen Nachbarin – eine Kollegin – behauptete, bei ihm zu Hause müssten nicht nur Frau und Kinder parieren, sondern auch die Gartenzwerge und jeder einzelne Grashalm im Garten hätten stramm zu stehen. Ich war brutal. „Furchtbar, Herr Doktor. Ganz furchtbar. Ich muss mit mir allein sein.“ Ich drehte mich um, starrte in den Christbaumwald, der die eingehüllte Mariensäule umgab und schüttelte mich, als ob ich von Tränenströmen geradezu zerfetzt würde. Schließlich hatte ich ein paar Schauspielkurse besucht. Eine todsichere Methode – was Typen wie dieser Dr. Wissenig auf den Tod nicht ausstehen konnten, waren weinende Frauen. Nach etwa 15 Sekunden beendete ich mein Schütteln und drehte mich um. Er war weg und mir war wohler. Noch wohler war mir, als ich den Punsch ausgetrunken hatte und seine um diese Tageszeit deutlich spürbare leicht hirnvernebelnde Wirkung einsetzte.

Jetzt brauchte ich noch einen Lebkuchen. Für einen echten Weihnachts-Junkie ist Punsch alleine noch nicht genug. Es gab einen Stand mit Ausseer Lebkuchen, und ich beschenkte mich selbst mit einem kleinen Herz mit der Aufschrift „Dir zuliebe“. Es klebte zwischen den Zähnen, aber es schmeckte.

Auf dem Weg zurück zur Schule kaufte ich in einem kleinen Feinkostladen noch reumütig eine Banane und ein kleines Mineralwasser mit Granatapfelgeschmack, ohne Kohlensäure und garantiert ohne Kalorien.

Als ich zurück kam, war die Tür zum Sekretariat versperrt. Ich klopfte an der Tür des Direktionszimmers. „Herein!“ rief Christian. „Es ist offen!“ Das war eine seiner ersten Reformen. Früher war die Direktion immer verschlossen gewesen. Man hatte sich über das Sekretariat anmelden müssen. Zuerst fragte man verschämt „Ist der Chef da?“, dann musste die Sekretärin Nachschau halten, ob man den Herrn Hofrat etwa bei einem wichtigen Telefongespräch nicht stören durfte oder sonst irgendein Grund vorlag, dass niemand vorgelassen wurde. Dann wurde die Tür leise wieder geschlossen, und die Sekretärin flüsterte, mit einer Handbewegung zur Tür: „Bitte!“

Christian hatte sich eine offene Direktion vorgenommen. Er saß über einen Stapel zusammengehefteter Akten gebeugt und blickte aus müden Augen zu mir auf. Klar – es kostete Zeit und Mühe, bis man sich einigermaßen eingearbeitet hatte.

Dennoch grinste er mich an. „Tu, was du nicht lassen kannst. Ich brauch den Computer jetzt gerade nicht.“

Ein wenig plagte mich schlechtes Gewissen. Was konnte es für mich für Folgen haben, wenn ich auf der Festplatte des toten Chefs herum stöberte? Keine, eigentlich, musste ich mir selbst eingestehen. Christian hatte offiziell Zugang zu dem Gerät, es war ein Dienst-Computer, und niemand konnte nachweisen, dass er ihn jemand anderen benutzen hatte lassen. Was sollte sich die Polizei damit aufhalten?

Ich öffnete den Windows-Explorer und begann, mir einen Überblick über die Festplatte zu verschaffen.

Es gab zahlreiche Ordner mit word-Dateien, in vielen davon war offensichtlich Korrespondenz aus dem Sekretariat gespeichert. Es gab Ordner mit Texten aus Schulfoldern, Ordner mit pdf-Dokumenten aus dem Landesschulrat, zahlreiche andere, die ich nicht so schnell überblicken würde können.

Ich versuchte eine andere Methode und suchte nach Word-Dateien, die in der letzten Woche gespeichert worden waren. Nichts Aufregendes war zu finden.

Auch Hölzls Sammlung digitaler Bilder war denkbar harmlos – er hatte zahlreiche Fotos von Schulveranstaltungen gespeichert, eine Sammlung von Lehrer- und Lehrerinnenfotos, alle durchwegs öffentlicher Natur, private Fotos gab es keine.

Dann kam ich auf die Idee, im virtuellen Papierkorb der Festplatte zu suchen, und da wurde ich zu meiner eigenen Überraschung doch noch fündig. Da gab es eine Reihe von gelöschten Ordnern, und als ich einige davon genauer unter die Lupe nahm, stellte sich heraus, dass mehrere Ordner am 27. November gelöscht worden waren. Das war überraschend. Am 27. war Hölzl schon verschwunden gewesen. Ich fragte Christian: „Warst du am 27. schon an diesem Computer? Am Montag?“ „Natürlich nicht. Seit Samstag ist der Chef weg. Das war der 25. Ich habe gestern erstmals hier eingeschaltet. Am 29. November. Wieso?

„Jemand hat am 27. November Ordner gelöscht. Leider hat er vergessen, auch den Papierkorb zu leeren. Entweder hat die Person keine Ahnung von Computern, oder sie war in Stress, oder sie hatte es sehr eilig.“

Christian rollte zu mir herüber. Es war ein wenig zu eng für meinen Sessel und den Rollstuhl, so musste er halb hinter mir Aufstellung nehmen und sich vorbeugen. „Was sind das für Ordner?“

„Einer heißt ‚Evidence’!“ Ich klickte auf „Wiederherstellen“ und öffnete den Ordner, er enthielt mehrere Bilddateien im Format .jpg. Ich öffnete die erste, und wir machten beide große Augen, als wir sahen, was das Bild zeigte. „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“, flüsterte Christian. An sich war das Bild ja nicht sensationell, es zeigte einen Mann und eine Frau, die gerade im Begriff waren, ein Gebäude zu betreten. Der Mann schritt voraus, eine elektrische Schiebetür vor ihm war bereits teilweise geöffnet. An seinem linken Arm eingehängt war eine Frau in einem dunkelgrünen Kostüm. Man konnte die beiden zwar nur im Profil sehen, dennoch waren beide deutlich zu erkennen. Der Fotograf musste sich irgendwo seitlich des Eingangs in den Büschen versteckt haben. Man konnte einige verwaschene grüne Flecken im Vordergrund erkennen, wahrscheinlich Blätter. Der Mann war Schröttner. Die Frau war Hildegard Hölzl, die Ehefrau unseres ehemaligen Chefs.

Wir waren sprachlos, und ohne die Bilder zu kommentieren, klickten wir sie durch. Man konnte auf einigen weiteren Fotos sehen, wie sie das Hotel betraten, sogar, wie sie an der Rezeption eincheckten. Schröttner hatte seinen Aktenkoffer dabei, Frau Hölzl einen kleinen Trolley.

Das vorletzte Bild war kein Foto, sondern ein Scan einer Hotelrechnung. Die sagte aus, dass ein Herr Alexander Schröttner für die Nacht vom 13. auf den 14. Oktober ein Doppelzimmer im Novotel München Süd, Neu-Perlaching, bezahlt hatte. Das letzte Bild war das Scan eines Meldezettels mit den gleichen Daten, auf denen sich A. Schröttner mit seiner Ehefrau Burgi eingetragen hatte. Schröttners Frau hieß tatsächlich Burgi, nur war es nicht die, die auf den Fotos zu sehen war. Das war eindeutig Hildegard Hölzl. Wir sahen uns noch die Daten der Fotos an: Sie waren am 13. Oktober aufgenommen worden.

Wir schauten auf einem Kalender nach. Der 13. Oktober war ein Freitag gewesen. Die beiden hatten also die Nacht vom 13. auf 14.Oktober gemeinsam in München verbracht. Wo man relativ sicher sein konnte, niemandem Bekannten zu begegnen. Wenn man sich im Hotel aufhielt. Woher hatte Hölzl diese Beweise? Hatte er einen Detektiv engagiert oder die Fotos selbst gemacht?

„Die Fotos könnte er schon selbst gemacht haben. Aber die Belege? Glaub ich nicht.“ Christian hatte auch Feuer gefangen: Hatten wir jetzt den Schlüssel zu Hölzls Selbstmord in der Hand? War er der Typ, der sich umbrachte, weil seine Frau fremdging? Wohl kaum.

„Schauen wir einmal in seinem Terminkalender nach!“ schlug Christian vor. Wir öffneten den Outlook Kalender – jeder wusste, dass Hölzl für Termine diesen Kalender verwendete, weil er häufig geöffnet auf dem Bildschirm zu sehen war, wenn man ihn sprechen musste.

Auch hier gab es einen Treffer am 13. Oktober: „H. Mat.treffen München“ lautete eine Eintrag. Sie hatte ihm also vorgespiegelt, sie sei zu einem Maturatreffen nach München gefahren. Ganz schön clever – welcher Mann würde schon auf die Idee kommen, seine Frau zu einem Maturatreffen begleiten zu wollen?

Wir hatten den Beweis für das Gerücht. Hölzls Frau hatte tatsächlich eine Affäre mit Schröttner gehabt. Hölzl hatte einen Verdacht gehabt und ihn sich kürzlich unter Mithilfe eines Detektivs bestätigen lassen. Irgendjemand war am Montag in die Schule gekommen und hatte den Ordner mit den Beweisen gelöscht, allerdings nur sehr laienhaft.

„Wer kommt in Frage – für das Löschen, meine ich?“ Christian war ratlos. „Offiziell hat niemand das Passwort gekannt. Inoffiziell könnten viele Zugang zum Computer gehabt haben – Schröttner, die Sekretärinnen, der Schulwart, die Putzfrauen …“. „Und Frau Hölzl.“, fügte ich hinzu. „Sie hat möglicherweise einen Schlüssel gehabt. Wer sagt, dass Hölzl nicht zu Hause einen Ersatzschlüssel aufbewahrt hat? Wer sagt, dass sie nicht gewusst hat, dass er Beweise auf seinem Dienst-PC gespeichert hat. Vielleicht hat er es ihr sogar gesagt, um sie unter Druck zu setzen.“ „Vielleicht die Käferböck. Ihr pathetisches Geflenne könnte einen Grund haben: Sie war in Hölzl verliebt, vielleicht hatte sie sogar etwas mit ihm. Verliebte Frauen spionieren den Objekten ihrer Liebe gerne nach.“ Ich schaute spöttisch nach hinten zum ihm. „So, so. Hast du da einschlägige Erfahrungen?“ Er musste auch lächeln. „Nein, ganz im Ernst. Sie könnte das gelöscht haben, um ihn auf irgendeine Weise zu schützen, was weiß ich.“

„Oder Schröttner.“, gab ich zu bedenken. „Er könnte schließlich das Passwort auch irgendwie herausbekommen haben. Und er hätte Grund genug gehabt, diese Beweise zu vernichten.“ „Er hätte es professioneller getan.“ gab Christian zurück. „Wenn er gestört worden ist?“ Ich wünschte mir, Schröttner hätte es getan, deswegen war ich so beharrlich.

„Wir können das jetzt nicht lösen. Außerdem bin ich müde. Ich muss noch weiter arbeiten.“ Zuvor war noch eine Entscheidung fällig:Sollten wir die Beweise endgültig löschen? „Lieber nicht,“, meinte Christian. „Wenn sich tatsächlich jemand für diesen Computer genauer interessieren sollte, können sie auch herausfinden, dass diese Dateien heute endgültig gelöscht worden sind. Wir können ja nicht die Festplatte formatieren.“ Da war ich seiner Meinung. Wir sollten die Finger von jeder weiteren Manipulation lassen.

„Aber was ist mit Frau Hölzl? Sollte sie nicht wissen, was auf diesem Gerät gespeichert war? Natürlich, es könnte sein, dass sie es schon weiß, aber wenn nicht? Sollte man sie im Unklaren darüber lassen, was da möglicherweise auf sie zukommt?“

Christian hatte keine Lust mehr, sich weiter mit der Sache zu beschäftigen. „Ich sag dir was: Warten wir bis nach der Beerdigung. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich niemand für diesen Computer interessieren. Nach der Beerdigung löschen wir die Fotos, und dann entscheiden wir uns, ob wir seine Frau darüber informieren oder nicht.“

Das hielt ich für keine gute Idee. Denn wenn wir Frau Hölzl irgendwann informieren wollten, dann sollten wir ihr auch die Beweise übergeben können – löschen und dann informieren war Blödsinn. „Ich finde, sie hat ein Recht darauf, das zu erfahren, so bald wie möglich. Und dass hier jemand herumgefummelt hat, wird bei einer Untersuchung sowieso klar – wir haben schließlich wiederhergestellt und wieder gelöscht. Das lässt sich nicht verbergen.“

Christian seufzte. „Wie willst du ihr erklären, dass du an die Daten gekommen bist?“ „Ich habe dir geholfen, weil so viel Arbeit zu erledigen ist. Wir sind völlig unabsichtlich über die Daten gestolpert. Weil wir nicht wissen, wer sie gespeichert und wer sie gelöscht hat, wollen wir ihr reinen Wein einschenken – ist doch eine völlig glaubwürdige Geschichte!“

„Wenn du unbedingt meinst, ruf sie an oder geh zu ihr. Ich mach das sicher nicht.“

Er rollte zurück, und ich stand auf. Ich war am Rücken ganz verschwitzt, und das Kreuz tat mir weh. Ein Zeichen, dass ich mich lange kaum bewegt und ganz auf eine Sache konzentriert hatte.

Ich spürte meinen Durst und ging zum Kühlschrank, um nach Mineralwasser zu suchen. Natürlich war das nicht der einzige Grund, denn neugierige Frauen interessieren sich sogar dafür, was Tote in ihrem privaten Kühlschrank aufbewahren. In der Tür stand eine verschlossene Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure. Ich öffnete sie und nahm einen tiefen Zug, unterdrückte den folgenden Rülpser nicht ganz so damenhaft, wie das angebracht gewesen wäre, und schaute mich im Kühlschrank um.

Neben einigen Einwickelpapieren aus Supermärkten lagen da ein paar Flaschen Weißwein. Nicht die schlechtesten. Ein Junker von Polz, ein Welschriesling von Sabathi – war man kürzlich an einem langen Wochenende etwa in die Südsteiermark gereist? Eine angebrochene Flasche Sauvignon Blanc von Tement stand in der Tür. Sauvignon von Tement! Ich zog den Korken heraus, der nur ein kleines Stück hineingedrückt worden war und roch an der Flasche. Sie konnte erst kürzlich geöffnet worden sein, der Wein roch frisch und in keiner Weise oxydativ. „Gibt es hier irgendwo Weingläser?“ fragte ich in keine bestimmte Richtung. „Spinnst du?“ Christian war nicht begeistert davon, dass ich vom Wein des Toten trinken wollte. „Kommissarin Emilie Scherz ermittelt!“, scherzte ich und öffnete ein paar Schranktüren. Lange musste ich nicht nach Gläsern suchen: Zwei saubere Riedel-Gläser standen einträchtig nebeneinander in einem ansonsten leeren Schrankabteil. Ich stellte beide auf den Besprechungstisch und schenkte ein. Christian schüttelte den Kopf und musste dabei schmunzeln. „So viel Unverfrorenheit ist schon wieder kühn!“, meinte er. Ich roch am Weinglas. Das Bouquet des Weins war himmlisch, ich leistete mir eine so teure Flasche nur selten. Ich kostete. Die Vielfalt der Aromen explodierte förmlich am Gaumen.

Als ich hinuntergeschluckt und mit geschlossenen Augen dem Abgang nachgefühlt hatte, begann ich zu überlegen. Ob diese Flasche schon seit Samstag offen sein konnte? Ob der Wein so lange überlebt hatte? Ich glaubte es nicht und sagte das Christian. „Na, glaubst du vielleicht, ich …“. Ich wusste, dass er kein großer Weintrinker war. Ich trank in mehreren kleinen Schlucken aus, weil ich einerseits einem solchen Wein keine Gewalt antun konnte, mich aber trotzdem nicht mehr länger hier aufhalten wollte. Die Flasche verkorkte ich wieder und stellte sie in den Kühlschrank. „Der ist morgen auch noch gut!“. Beschwingst strich ich Christian mit der Hand über seine kurzen Haare, blies ihm ein Küsschen zu und verschwand. Gleich draußen fragte ich mich, ob diese Gesten nicht vielleicht doch ein wenig zu intim gewesen waren.

Obwohl es schon halb vier war und ich noch viel zu tun hatte, musste ich unbedingt noch zu Hölzls Frau. Ich wusste selber nicht, warum ich mich so in die Angelegenheit verbissen hatte, ich war mir nicht einmal sicher, ob es nicht nur ein Vorwand gewesen war, dass ich behauptet hatte, sie habe ein Recht darauf, zu wissen, was andere schon wussten und worüber sie Beweise gesammelt hatten.

Wo Hölzls wohnten, wusste ich. Es war ein Einfamilienhaus in einem Außenbezirk, in einer Gegend, wo hinter den Häuserzeilen gleich Äcker und Wiesen begannen. Eine schöne Gegend zum Wohnen. Das Haus war ein ganz schlichtes Haus aus den sechziger Jahren, die Hölzls hatten es wohl von seiner oder ihrer Mutter geerbt, daran konnte ich mich nicht mehr so genau erinnern. Ein Wunder, dass es nicht längst völlig zugebaut worden war.

Als ich mein Auto vor dem Haus anhielt, war die Sonne gerade dabei, hinter dem Untersberg unter zu gehen. Sie blendete mich, als ich zur Haustür ging.

Zwei Autos standen in der Einfahrt, es war wohl Besuch da. Vielleicht ein Problem. Ich klingelte, und eine Frau öffnete, es war nicht Hildegard Hölzl, aber da war eindeutig eine Ähnlichkeit. Ich fiel mit der Tür ins Haus. „Sind sie die Schwester von Frau Hölzl? Ich bin Emilie Scherz, eine Lehrerin aus der Schule ihres … ihres.“ Ich rang um einen passenden Ausdruck. … „von Direktor Hölzl!“, stieß ich schließlich hervor. „Kann ich mit ihr sprechen? Es wäre dringend.“ Die Frau lächelte: „Mir war gar nicht bewusst, dass wir einander so ähnlich sehen. Bitte kommen Sie herein.“ Sie rief nach ihrer Schwester, und nach wenigen Sekunden kam Hildegard Hölzl aus einer Tür in das nur schwach erleuchtete Vorzimmer. Sie schaltete gleich Licht ein. „Hallo.“, begrüßte sie mich, in fragendem Tonfall und mit unsicherem Gesichtsausdruck. Ihr musste klar sein, dass es sich bei mir um keinen gewöhnlichen Kondolenzbesuch handelte, dazu kannten wir uns zu wenig gut. Ich frage mich, ob sie mich überhaupt erkannte. „Ich erinnere mich an Sie. Vom letzten Maturaball.“ Sie lächelte. Gutes Gedächtnis. Allerdings, wenn man bedachte, dass ich aufgrund eines kleinen Missgeschicks auf diesem Ball kurz im Rampenlicht gestanden hatte … Der liebe Kollege Klingseis hatte mich zum Tanzen auffordern müssen, und er war mit einem Knopf seines Sakkos am Ende des Tanzes irgendwo an meinem Kleid hängen geblieben – was musste sich der Kerl auch so an mich randrücken – sodass er, als wir uns trennten, den Oberteil meines Kleides aufriss und ich in meiner ganzen Pracht kurz im BH die Tanzfläche geziert hatte. Als ich mit vor der Brust verschränkten Armen zum Tisch zurückging, um mir mein Jäckchen überzuwerfen, hatte sie mich wohl auch gesehen. Vielleicht lächelte sie deswegen. „Ich störe Sie nur ungern, aber ich möchte Ihnen ganz dringend etwas Wichtiges erzählen. Unter vier Augen.“ Ich wandte meine Blicke entschuldigend ihrer Schwester zu, die aber ohnehin schon wieder auf dem Weg durch die Tür war, durch die Frau Hölzl eben gekommen war. „Ich weiß, dass es gerade sehr ungünstig ist.“, fügte ich bedauernd hinzu.

„Ach nein,“, sie wirkte locker, fast befreit. „Es ist nur meine Schwester da, um mir bei dem ganzen Kram ein wenig zu helfen. Und meine Söhne, aber die brauchen mich sicher nicht. Hölzl hatte zwei Söhne, einer studierte, der andere machte gerade Zivildienst. Der Student war, wie ich glaubte, schon im vierzehnten Semester Jus. Über den Zivildienst seines Jüngeren hatte Hölzl im vorigen Jahr mehrmals erzählt. Ziemlich abfällig hatte er sich dabei mehrmals gewundert, wie ein Mann auf die Idee käme, freiwillig Klos zu putzen.

Sie wies mit dem Arm auf eine andere Tür. „Bitte.“ Hildegard Hölzl war eine zierliche, sehr hübsche Frau. Sie sah wesentlich jünger aus, sie musste um die 50 oder darüber sein. Ihre schulterlangen, blond gefärbten Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, sie trug einen lachsfarbenen, ganz weichen und flauschigen Pullover und Jeans. Eine ziemlich kleine Größe, als sie mir voraus ging, beneidete ich sie um ihren schmalen Hintern. Leise und gewandt, fast im Stil eines Models auf dem Laufsteg, ging sie mir voran. An den Füßen hatte sie nur durchsichtige Strümpfe, sonst war sie barfuß. Ihre Zehennägel waren, obwohl es Winter war, knallrot lackiert.

Sie öffnete die Tür eines Zimmers, das eine Mischung aus Arbeitszimmer, Gästezimmer und Bibliothek zu sein schien. Zahlreiche Bücherregale, ein nicht sehr großer Schreibtisch mit Notebook und Drucker. Ein hübsch bezogenes Doppelbett mit Tagesdecke. Alles sehr ladylike, alles sehr aufgeräumt. Wieder ein Grund, sie zu beneiden. Sie deutete meine fragenden Blicke richtig: „Es war das Arbeitszimmer meines Mannes. Als er Direktor wurde, hat er nicht mehr wirklich gebraucht, ich habe es dann für meine Zwecke umgestaltet.“ Und offenbar auch hier geschlafen, wahrscheinlich alleine, dachte ich mir im Stillen.

„Womit kann ich Ihnen denn dienen?“

Sie setzte sich aufs Bett, zog ihre Beine hoch und schlug sie übereinander. Sehr gelenkig auch noch. Sie deutete auf den Stuhl am Schreibtisch, ein moderner Gesundheitsstuhl. Ich setzte mich vorsichtig, denn dieser Art von Möbel misstraute ich. Meist vollführten sie irgendwelche abrupten Bewegungen, sobald man sein Gewicht auch nur ein wenig verlagerte. Dieser hier wusste sich zu benehmen.

„Frau Hölzl, ich will nicht lange um den Brei herumreden. Ich habe heute am Computer Ihres Mannes in der Schule etwas entdeckt, von dem ich meine, dass Sie es unbedingt wissen sollten.“

Ihre Miene verfiel etwas. Woher sollte sie auch wissen, dass sie mir trauen konnte?

Ich erzählte ihr, dass ich dem Vertreter ihres Mannes, Christian Penninger, bei der Arbeit etwas zur Hand gegangen war und dabei Fotos und Dokumente gefunden hätte, die ein Verhältnis zwischen ihr und Alexander Schröttner zu beweisen schienen.

In ihr Gesicht schlich sich ein Anflug von Angst und Zorn, und ich redete schnell weiter, um ihr Vertrauen zu gewinnen, bevor sie mich hinauswarf.

Ich erklärte, dass ich deshalb gekommen wäre, weil wir festgestellt hatten, dass jemand am Montag unberechtigt Zugang zum PC gehabt hatte und die Dateien, wenn auch erfolglos, zu löschen versucht hatte. Ich sei gekommen, um sie zu warnen. Es gäbe jemanden, der diese Beweise kenne, sie aber vernichten hatte wollen. Ich erklärte ihr, dass sie mir deswegen Vertrauen schenken sollte, weil ich nach der Entdeckung dieses hochprivaten Materials sofort zu ihr gekommen sei, und beendete abrupt meinen Redeschwall, als mir nichts mehr einfiel. Ich war während meiner Erklärungen immer näher an sie heran gerückt und merkte jetzt erst, dass ich meine Hand beruhigend auf ihren Oberschenkel gelegt hatte. Sie schwieg und starrte zwischen ihren Beinen auf die Bettdecke, genau auf eine dunkelrote Laura-Ashley-Rose. Ein dunkler Fleck erschien auf der Rose. Sie weinte lautlos.

„Es tut mir Leid, ich wusste nicht, vielleicht hätte ich …“, stotterte ich hilflos und wollte mich zurückziehen, da ergriff sie meine Hand.

„Mir tut es Leid.“ Sie hob ihr Gesicht, um mich anzusehen, es war tränenverschmiert. „Machen Sie sich keine Gedanken. Sie können nichts dafür. Ich wusste zuerst nicht, ob ich Ihnen glauben sollte. Ich fragte mich, was sie von mir wollten. Aber ich vertraue Ihnen.“ Ein Lächeln quälte sich durch die Tränen. „Ich vertraue Ihnen deshalb, weil mein Mann oft über Sie geschimpft hat. Dass sie stur wären und mit dem Kopf durch die Wand wollten. Dass Sie nicht wüssten, was für Sie gut sei, und wie man es zu etwas bringe. Er hat Ihnen sogar gelegentlich unterstellt, dass Sie andere gegen ihn aufhetzten. Damals habe ich mir schon gedacht, das muss eine tolle Frau sein, wenn sie meinem Mann so auf die Nerven geht.“

Ich war perplex. Sollte ich das jetzt als Kompliment nehmen? War es Ausdruck des Misstrauens, das sie ihrem Mann entgegenbrachte? „Freut mich, dass Sie genau das Gegenteil von dem denken, was Ihr Mann gedacht hat – oh, Entschuldigung, es war nur …“, schon hatte ich mich verplappert. „Es macht nichts.“ Sie hatte sich wieder gefangen. „Es braucht kein Geheimnis zu sein, dass ich Probleme mit Viktor hatte. Vor allem nicht, da du ja schon alles weißt.“

Mir war nicht klar, ob es ihr bewusst war, dass sie zum „du“ übergegangen war, deshalb fragte ich nach: „Ist es OK, wenn ich auch ,du’…?“ Sie nickte.

„Schröttner war nicht mein Traumtyp. Aber du musst dir vorstellen, da gibt es plötzlich jemanden, der aufmerksam ist. Dem es auffällt, dass du noch schön bist. Der dir Zärtlichkeit schenkt, die du dir jahrelang nur erträumen hast können.“ Ich war baff. So hatte ich mir Schröttner wirklich nicht vorstellen können, aber man sollte ja nie vorschnell urteilen. Mir war er immer nur als verknöcherter Bürokrat erschienen.

Meine Neugier gewann schon wieder die Oberhand: „Hast du eine Vorstellung, wer die Dateien gelöscht haben könnte, und, vor allem, hast du von diesen Fotos gewusst?“

„Viktor hat mir damit gedroht. Er hat ständig gesagt, dass ich mir nicht erhoffen dürfte, auch nur 100 Euro mitnehmen zu können, wenn ich ihn verließe. Er wollte mich damit unter Kontrolle halten, erpressbar machen. Dabei hat er mich ohnehin nur gebraucht, um den schönen Schein für seine Parteifreunde aufrecht zu erhalten. Diese Kotzbrocken. Sie schaute kurz zu mir auf, wandte ihren Blick wieder der Bettdecke zu und sagte. „Dabei habe ich jahrelang schon hier geschlafen. Da lief nichts mehr. Bei ihm schon – ich glaube, er hat schon lange andere Frauen gehabt.“

Ich wollte jetzt gehen, ich hatte noch so viel zu tun. „Wie gesagt, es tut mir wirklich Leid. Aber zumindest weißt du nun, dass es jemanden gibt, der über deine Beziehung zu Schröttner weiß, aber nicht ehrlich zu dir ist.“

„Könnte es nicht Alexander selbst gewesen sein?“ fragte sie. „Schon,“ meinte ich, „aber hätte er es dir dann nicht gesagt?“ Sie wollte darüber noch nachdenken. Wir waren uns in den letzten Minuten so nahe gekommen, dass ich sie einfach umarmen musste, ich drückte sie kurz fest an mich. Das war so eine Unart von mir, ich näherte mich Menschen, die ich mochte, gerne körperlich. Aber sie erwiderte die Umarmung, dann verabschiedete ich mich. „Wir sehen uns bald bei der, bei der …“. Da war sie wieder, meine Hemmung, die Dinge klar auszusprechen, die mit dem Tod zusammen hingen. „Beerdigung.“ kam sie mir lächelnd zu Hilfe. Sie schlich wieder katzenartig voran, um mir die Tür zu öffnen. Auf Zehenspitzen stand sie, sich an der Tür festhaltend, als ich durchging. Ich kam mir ihr gegenüber irgendwie vor wie ein Elefant.

Ich stieg wieder ins Auto und rief sofort Gabi an. Gabi war meine beste Freundin, sie war auch Lehrerin, aber nicht an meiner Schule. Sie unterrichtete in einem katholischen Gymnasium, das früher nur Mädchen besuchten, das jetzt aber auch Burschen aufnahm. Ich hatte sie beim Sport kennen gelernt, und Sport war auch das, was uns mehrmals in der Woche zusammen führte.

Gott sei Dank hob sie gleich ab. „Hallo. Ich muss unbedingt noch joggen, es war ein scheußlicher Tag. Gehst du mit?“ Sie war vorbereitet, wir trafen uns fast jeden Donnerstag zu irgendeiner sportlichen Aktivität. „Wann bis du so weit?“ „Ich fahr jetzt heim – eine Viertelstunde – eine Viertelstunde umziehen, in einer halben Stunde?“ „OK“. Sie legte auf. Es war zwar jetzt schon ziemlich dämmrig, bis in einer halben Stunde würde es finster sein. Wir konnten die Salzachpromenade entlang laufen, da gab es Straßenbeleuchtung.

Ich musste mich zwar beeilen, empfand diese Eile aber nicht als Stress. Sie Aussicht darauf, eine Stunde mit Gabi zu laufen, war die Aussicht auf Erholung pur. Ich musste heute einfach noch einmal meine Lungen mit Luft voll pumpen und richtig ins Schwitzen kommen, das würde mir gut tun.

Ich war gerade in meine neue Fleecejacke geschlüpft und band die Schuhbänder zu, als Gabi läutete. „Ich komme schon!“ Wir liefen so gemütlich, dass wir dabei reden konnten. Ich musste Gabi natürlich von den aufregenden Erlebnissen des heutigen Tages erzählen. Die Geschichte mit dem Computer, den Beweisen und dem Besuch bei Hildegard Hölzl verschwieg ich ihr allerdings, ich fühlte mich Hildegard verpflichtet und wollte nicht als Tratschweib dastehen.

Gabi war lang und dünn und kam aus Innsbruck. Sie hatte lange, rotblonde Haare und eine große Nase, die sie sich als Teenager hatte operieren lassen wollen. Jetzt trug sie sie allerdings mit Stolz und Selbstbewusstsein. Sie lebte schon seit siebzehn Jahren in Salzburg, hatte aber ihren Akzent noch immer nicht abgelegt, das fand ich originell und sogar sexy. Tirolerisch klang überhaupt gut, vor allem bei Männern. Aber auch bei Gabi. Wir kannten uns seit dem Studium.

Sie war geschieden und hatte einen zwölfjährigen Sohn. Ihr Mann war auch Lehrer gewesen, hatte das aber nur als ungeliebten Brotberuf gesehen und wollte lieber Künstler sein. Schauspiel, Rockmusik, Kabarett, alles hatte er probiert. Geendet hatte es damit, dass ihn Gabi rausschmiss, weil er ständig besoffen war. Er hatte dann im Auto geschlafen, hatte sie mir erzählt. Ich kannte ihn, denn er war für kurze Zeit mein Kollege gewesen, dann war er gekündigt worden, wobei Hölzl auch irgendwie seine schmutzigen Finger im Spiel gehabt hatte. Gabi hasste Hölzl dafür – obwohl sie selbst ihren Mann ebenfalls rausgeschmissen hatte. Das war ein bisschen irrational. Aber sie war eine tolle Freundin, auf die man sich verlassen konnte. Vor allem, wenn man spontan etwas unternehmen wollte und jemanden dafür brauchte, damit man nicht allein war. Ob es um eine Rodelpartie oder einen Städteflug ging, wenn sie gerade nicht pleite war, war sie für alles zu haben – sofern sie ihren Philipp mitnehmen konnte oder er bei Oma oder Schwester unterkam.

Heute allerdings war sie nicht so besonders gut drauf. Die meiste Zeit trabte sie schweigend neben mir her. Unser Tempo war so gemütlich, dass ich sie nicht einmal schnaufen hörte. Wahrscheinlich, weil ich selber nicht ganz so fit war wie sie und lauter atmete, sie hatte immer eine niedrigere Pulsfrequenz als ich, wenn wir miteinander liefen.

Ich redete und redete. Natürlich ging die ganze Kommunikation etwas langsamer vonstatten als im Sitzen, man brauchte ja schließlich mehr Atempausen. Aber von ihr kam heute deutlich weniger also sonst, bis ich mich schließlich ein wenig hinter sie zurück fallen ließ und schwieg, um sie beobachten zu können. Sie sah wirklich missmutig aus.

„Ist was mit dir? Du bist so schweigsam.“, versuchte ich, sie herauszufordern. Sie antwortete ausweichend. Es sei nichts, sie fühle sich heute nicht so besonders.

Plötzlich trat ich auf eine eisige Stelle, rutschte weg und kam ins Taumeln, sodass ich sie fast angerempelt hätte. Wir stießen beide erschrockene Schreie aus. „Hast du dir weh getan?“, fragte Gabi, aber ich konnte sie beruhigen und nahm meinen Trab wieder auf wie vorhin.

„Wenn du Sorgen hast,“ keuchte ich, „red darüber. Wozu hat man Freundinnen.“ „Danke.“ Sie lächelte. „Geht schon wieder besser. Das übliche. Probleme mit Ernst.“ Ernst war ihr Exmann. Die üblichen Probleme waren, dass er keine Alimente zahlte, Besuchsregeln nicht einhielt, Philipp mit den falschen Computerspielen versorgte und die falschen Sendungen im Fernsehen ansehen ließ. Das übliche eben, wenn man geschieden ist und gemeinsame Kinder hat. Ich brauchte nicht zu fragen, ich kannte diese Geschichten. „Komm, machen wir ein bisschen Tempo. Du kommst auf andere Gedanken!“ munterte ich sie auf, und sie sprang darauf so an, dass ich Mühe hatte, mitzuhalten. Sie hatte wirklich enorme Ausdauer. Ein Hustenanfall meinerseits beendete die Hochgeschwindigkeits-phase, wir hatten die dreißig Minuten voll und drehten um. Gabi war jetzt etwas lockerer, das konnte man spüren. Laufen tat nicht nur etwas für unsere Körper, sondern auch für unsere Seelen.

Ich fragte sie, was sie eigentlich empfinde, seit sie wusste, dass Hölzl tot war. Ihre Miene verfinsterte sich. Zunächst sagte sie gar nichts und zog das Tempo an. Schließlich stieß sie unter heftigem Atmen hervor: „Ich bin froh, dass dieses Schwein tot ist!“ Ich erschrak über die Heftigkeit ihres Ausbruchs und versuchte, meinen Schreck mit einem Scherz zu überspielen. „Pass auf, sonst stellt sich am Ende noch heraus, dass du ihn hinuntergeworfen hast!“ Sie sah mich entsetzt an, wandte sich aber gleich wieder in Laufrichtung und lachte kopfschüttelnd. „Du spinnst!“

Als wir aßer Atem vor meinem Haustor anlangten, fragte ich Gabi, ob sie vielleicht noch auf einen Tee mit hinauf kommen wollte. Sie wollte, denn Philipp musste erst um acht vom Klettertraining in der Sporthalle abgeholt werden.

Als sie bei mir auf dem Sofa saß und ich ihr den heißen Tee brachte, wirkte sie deutlich entspannt. „Ich bin so froh, dass ich dich habe.“ schmeichelte sie mir. „Heute hätte ich mich nicht mehr aufraffen können, etwas zu tun, und es tut so gut, wenn man sich doch noch bewegt. Ich hätte nicht geglaubt, dass du heute noch anrufst – wo es doch schon fast finster war.“

Mein Magen erinnerte mich knurrend an meinen unglaublichen Hunger. Ich sah im Kühlschrank nach. „Willst du Mozzarella mit Tomaten?“, fragte ich Gabi. „Ich hab solchen Hunger – und ich hab heute kaum noch etwas Gescheites gegessen.“

Sie wollte auch das. Ich taute ein eingefrorenes Baguette im Backrohr auf und schnitt Mozzarella und Tomaten in Scheiben. Basilikum gab es leider keines mehr, gutes Olivenöl hatte ich immer vorrätig. Eigentlich hätte ich jetzt Lust auf eine warme Suppe gehabt, ein richtiges Winteressen zum Aufwärmen, aber woher nehmen? Ich nahm mir vor, morgen Suppe zu kochen. Mit Rindfleisch, für vier Personen. Genug, um über den Winter zu kommen.

Bevor wir uns zu Tisch setzten, machte ich noch eine Flasche Rotwein auf, die zu warm war. Aber was sollte ich in meiner Wohnung machen? Es gab nur entweder Zimmer- oder Kühlschranktemperatur. Oder, wenn ich vorbereitet war und die Jahreszeit passte, Balkontemperatur.

Und als ich den Wein eingoss, musste ich wieder an Hölzl denken, insbesondere an die Fasche Wein in seinem Kühlschrank, aus der ich mich heute bedient hatte.

„Übrigens, der Alte hat einen phantastischen Wein im Kühlschrank gehabt. Und das interessanteste daran war, dass eine Flasche offen war – und ich glaube nicht, dass die schon seit Samstag offen gewesen ist. Mysteriös, nicht.?“

Gabi hatte keine Lust, auf meine Spekulationen einzugehen und antwortete ein wenig zu heftig: „Können wir nicht über was anderes reden?“ So schnell fiel mir nichts anderes ein. Wir aßen schweigend, ich mit großem, Gabi mit wenig Enthusiasmus. Wenigstens aber trank sie zwei Gläser Wein.

„Entschuldige, dass ich so komisch bin,“ fand sie schließlich doch wieder aus ihrem Schweigen heraus, „aber es war eben kein so schöner Tag für mich heute, ich bin einfach ein bisschen bedrückt. Es ist ja nichts Großes passiert, einige Kleinigkeiten eben, die mir auf den Magen geschlagen haben, das kennst du ja,.“

Ich versuchte ihre Gedanken auf interessante Projekte in der Zukunft zu lenken. „Fahren wir nächstes Jahr wieder einen Radmarathon? Oder auf den Großglockner?“

Damit konnte man sie meist leicht in Fahrt bringen Wir hatten uns bei einem Radmarathon kennen gelernt. Sie war seit ihrer frühen Jugend eine begeisterte Sportlerin gewesen, und ich war durch einen ganz eigenartigen Zufall auf die Idee gekommen an einem Radmarathon teilzunehmen. Ich hatte eine Reportage darüber in einer Zeitung gelesen, und da war gestanden, dass nur etwa zehn Prozent der Teilnehmer Frauen waren. Also neunzig Prozent Männer. Da kam ich auf gewisse Gedanken. Dass alle nach Schweiß stanken und die meisten dürre Spargel über 45 waren, hatte die Zeitung nicht verraten.

Jedenfalls hatte ich es nach einem Jahr Training gewagt und mich angemeldet. Einen Großteil der Strecke war ich in einer Gruppe gefahren, in der Gabi als einzige Frau Führungsarbeit geleistet hatte. Ich musste mich plagen, mich in ihrem Windschatten halten zu können. Nach dem Marathon hatten wir bei Nudeln und Radler entdeckt, dass wir Berufskolleginnen waren und auch noch beide im gleichen Ort wohnten. Das war der Beginn unserer Freundschaft gewesen.

„Oder gleich eine längere Radtour. Irland. Oder vielleicht Schottland?“ Ich hatte sie erfolgreich auf andere Gedanken gebracht. Als sie sich verabschiedete, war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht soeben eine zweiwöchige Radtour durch Schottland zugesagt hatte.

Jetzt musste ich unbedingt zuerst unter die Dusche und dann an meine Hefte. Beim Einseifen ließ es sich nicht vermeiden, dass ich einer gewissen empfindlichen, von dichten schwarzen Haaren beschatteten Stelle an meinem Körper größere Aufmerksamkeit widmete. Und da diese Stelle in letzter Zeit sehr vernachlässigt worden war, nicht nur von Männern, sondern auch von mir selber, dauerte das Duschen inklusive Spannungsabbau einiges länger als sonst. Ich hoffte, mein Nachbar war nicht daheim, denn ich hatte meiner Freude auch lautstarken Ausdruck verliehen.

Solchermaßen abgelenkt, kam ich noch immer nicht sofort an meine Hefte, denn ich musste meinen Gedanken über meine Zukunft, Männer und meine Zukunft mit ihnen ein wenig Auslauf gewähren. Das traf sich gut, da ohnehin der Geschirrspüler aus- und einzuräumen war.

Ich sehnte mich nach einem Mann, und ich wollte ein Kind. Ich träumte oft davon, ein Kind zu haben, und ich träumte auch oft von Männern. Im Schlaf, aber auch während meiner wachen Stunden. Das Problem war, dass mir in meinem richtigen Leben keine Männer über den Weg liefen, die meinen Traumvorstellungen entsprachen. Im Traum waren sie nicht nur gut aussehend, humorvoll, zärtlich etc. etc., sondern sie waren auch noch ideale Partner, die die Familie genau so wichtig nahmen wie ich selbst, die aber trotzdem so gut verdienten, dass man sich keine Sorgen zu machen brauchte. Viel verlangt sei das ja nicht, bildete ich mir ein. Ich hatte auch den einen oder anderen kennen gelernt, der etliche dieser Eigenschaften vorweisen konnten, aber leider immer zu wenige davon in einem vereinigt. Die meisten hatte sich bisher bereits nach relativ kurzer Beziehung als veritable Mängelexemplare entpuppt.

Deswegen war ich momentan, zumindest was die erotische Entspannung betraf, auf meine Finger angewiesen. Und auf ein paar kleine Spielsachen, die ich besaß. Seit es Internet gab, konnte man so etwas ja vollkommen diskret besorgen.

Als ich vor meinen Heften saß, kehrten meine Gedanken wieder zu Max zurück, dessen Heft zuoberst auf dem Stapel der bereits durchgesehenen lag, mit dem Etikett nach unten. Ich machte mir ernsthaft Sorgen um diesen jungen Mann, der so offensichtlich Probleme hatte, deren Lösung er aber offenbar in einer völlig falschen Richtung zu suchen unterwegs war. Was er sagte und schrieb, fand ich widerwärtig, dennoch spürte ich, dass er Hilfe suchte und ich ihm aus seiner Situation heraus helfen musste. Aber wie half man jemandem, den man dreimal – im Fall von Max höchstens zweimal – in der Woche für 50 Minuten sah, und das als Teil einer großen Gruppe?

Ich begann zu korrigieren und freute mich, dass ich in den ersten paar Heften so wenige Fehler und Unsinn fand, dass ich mir gut vorstellen konnte, dass am Ende darunter ein „Gut“ oder ein „Befriedigend“ stehen sollte. Florentinas Schularbeit war, wie nicht anders zu erwarten, eine intellektuell reife Leistung. Manchmal war es direkt beängstigend, wie dieses Mädchen dachte und schrieb. Wie jemand mit viel längerer Lebenserfahrung, mit messerscharfer Logik und Offenheit.

Sie würde es schwer haben im Leben. Wer wollte Frauen, die allen Männern haushoch überlegen waren? Wie sollte eine wie Florentina in einer Gesellschaft, in der die Wissenschaft von Männerbünden beherrscht wird, einen Fuß auf den Boden kriegen? Naive Menschen haben es leichter, dachte ich mir oft. Wer klug, offen und ehrlich ist, rennt den gut organisierten Mittelmäßigen ins offene Messer.

Gegen halb elf war ich mit den Heften durch, dann überlegte ich, was morgen in der Schule zu tun sein würde. Die beiden ersten Stunden mussten noch vorbereitet werden, dann hatte ich eine Freistunde, in der mir hoffentlich genug für die vierte Stunde einfallen würde, wenn ich nicht zu einer Supplierung eingeteilt werden würde. Dann hatte ich Sprechstunde und dann noch eine Stunde mit einer ersten Klasse am PC, da war aber schon klar, dass wir mit den Übungen weiter machen würden, die bereits in der Vorwoche begonnen worden waren.

Wie immer, wenn man hofft, man werde alles schnell hinter sich bringen, zog sich die Vorbereitung für die ersten beiden Stunden, weil ich doch nicht genau das Material bei der Hand hatte, nach dem ich suchte. Schließlich wurde es halb zwölf, bis ich ins Bett kam. Nach drei Seiten in meinem Krimi fielen mir die Augen zu.

Abschied

Posted: August 3, 2008 in Kurzgeschichten

Abschied
von Herbert Dutzler

Die Frau liegt in einem Bett, bis über die Brust straff mit einem weißen Laken zugedeckt, das unter ihren Achseln verschwindet und die Arme freigibt. Sie liegen ausgestreckt neben ihrem Körper, bis knapp über die Ellenbogen von hellblauen Ärmeln mit dunkelblauem Punktemuster bedeckt. Ihr Kopf liegt auf zwei Kissen etwas erhöht, dunkles grau durchsetztes Haar breitet sich strähnig über das Kissen aus. Die weit geöffneten Augen der Frau fixieren blicklos irgendeinen Punkt an der Decke. Bläulich verfärbte, dünne Lippen rahmen ihren offenen Mund ein, durch den sie geräuschvoll, stoßweise, mühsam atmet.
Dämmerlicht dringt durch die Fensterfront, wo ein Mann an die Fensterbrüstung gelehnt steht. Er ist groß, kräftig gebaut und trägt seine dunkelblonden Haare kurz geschnitten. Sein gestutzter Vollbart wie auch seine Schläfen sind bereits ergraut. Den Zeigefinger seiner linken Hand hat er über seine Lippen gelegt, der Daumen stützt sich am Kinn ab. Der Blick des Mannes ist auf die Frau gerichtet.
Er dreht sich zum Fenster um, sieht hinaus und beginnt zu sprechen. „Ich möchte dich so gerne unterhalten, dir etwas erzählen. Aber mir will partout nichts einfallen, keine Geschichte, die ich dir nicht schon erzählt hätte. Vielleicht interessiert es dich, was ich draußen sehen kann? Es ist heiß gewesen, heute. Immer noch. Da unten fährt gerade einer in einem offenen Auto vorbei. Wäre mir viel zu windig. Er hat eine Frau dabei, sie hat lange Haare. Komisch, sie wehen nach vorne, zur Windschutzscheibe. Nicht nach hinten, wie man das in Zeichentrickfilmen oft sieht. Erinnert mich an die Familie Feuerstein. Weißt du noch, wie ich mit Papa immer darum streiten musste, Familie Feuerstein zu sehen, als ich klein war? Er immer die Nachrichten – und ich hab so lang gejammert, bis er fuchsteufelswild hinausgerannt ist und ich heulend vor der Familie Feuerstein gesessen bin. Ob es das wert war, hast du gefragt, und ob ich jetzt zufrieden bin. Natürlich war ich nicht zufrieden.“
Der Mann dreht sich wieder herum, geht auf das Bett der Frau zu und setzt sich auf einen Stuhl, der aus einer Kunststoffschale auf Metallrahmen besteht. Er beugt sich über ihr Gesicht, sieht ihr beim Atmen zu. Dann nimmt er ihr linke Hand in seine, legt seine Finger um ihren Daumenballen und hält sie fest. Mit der rechten Hand streicht er ihr zaghaft und langsam über den Unterarm. Dessen Haut ist von grauen und violett schillernden Striemen, Flusslandschaften durchsetzt. Auch runde, dunkelblaue Flecken von Einstichen sind zu sehen.
Die Frau atmet weiter schwer und blickt weiter starr gegen die Decke. Wieder beginnt der Mann zu ihr zu sprechen. „Ich weiß ja nicht, ob du verstehst, was ich dir erzähle. Aber ich rede einfach mit dir, damit du weißt, dass jemand bei dir ist. Dass ich bei dir bin. Viel habe ich ja in den letzten Jahren nicht mit dir gesprochen, das tut mir heute leid. Vielleicht hätte es dir, nein, sicher hätte es dir geholfen, wenn ich dir mehr zugehört und dir mehr erzählt hätte. Aber ich habe mich in den letzten Jahren so zerrieben gefühlt, ich habe das Gefühl gehabt, für zwei Generationen zu sorgen, sich um dich und die kleinen Kinder zu kümmern, das ist einfach zu viel für einen Menschen.“
Die Tür öffnet sich fast geräuschlos, eine Krankenschwester in weiß und hellblau tritt herein, nähert sich dem Bett, blickt zuerst zu der Frau, dann zu dem Mann, ihre Miene ist besorgt, ängstlich. „Immer noch gleich?“, fragt sie den Mann. Der nickt nur. „War die Frau Doktor schon da?“ Wieder nickt der Mann zustimmend. „Ich meine, hat sie Ihnen schon gesagt, …“. Ihre Stimme versickert. Der Mann blickt zu ihr auf. „Ja, sie hat mir erklärt, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen gesetzt werden. Ich war damit einverstanden.“ Der Mann steht auf, wendet sich wieder dem Fenster zu, greift sich mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand an die Nasenwurzel. Die Schwester streicht das Laken zurecht, nimmt einen feuchten Lappen zur Hand und wischt der Frau über die Stirn, die Wangen, Kinn und Hals. Ohne das Tuch wegzulegen, richtet sie sich auf und spricht nochmals den Mann an: „Sie wissen schon, wenn es länger dauert …“. Wieder lässt sie ihre Stimme sinken, bis der Mann sich umdreht und sie ansieht. Die Schwester schluckt, ihr Adamsapfel bewegt sich ruckartig auf und ab. „Sie können gerne das zweite Bett da benutzen, ich meine, wenn es spät wird und sie schlafen wollen … müssen. Einschlafen.“ Der Mann nickt. „Ja, danke, die Frau Doktor hat mir das auch schon angeboten. Es könnte bis morgen dauern, hat sie gemeint.“ Die Schwester nickt, verlässt mit dem Lappen in ihrer Hand das Zimmer.
Der Mann lehnt nun wieder, mit übereinander geschlagenen Beinen, am Fensterbrett. „Ich könnte dir auch etwas vorsingen, vielleicht gefällt dir das. Ich hab ja schon lange nicht mehr gesungen, aber ich singe gerne. Was soll ich denn singen?“ Mehrere Sekunden lang bleibt es still, abgesehen vom geräuschvollen Atem der Frau. Dann stimmt der Mann zaghaft ein Volkslied an, ein melancholisches Liebeslied. Zunächst ist seine Stimme zittrig und unsicher, bald jedoch wird sie, obwohl er sich bemüht, leise zu singen, kräftiger und präziser. Den Text scheint der Mann zu kennen, niemals sucht er nach Worten. Auf das erste Lied folgt ein zweites, danach wieder Stille. Er setzt sich wieder auf den Stuhl an das Bett.
„Hat es dir gefallen? Weißt du noch, wir haben viel gesungen. Vor allem im Advent, wenn wir am Sonntag die Kerzen am Adventkranz angezündet haben. Die meisten Lieder, die ich noch singen kann, sind Weihnachtslieder, aber bitte, das wäre ja jetzt völlig unpassend, wo in ein paar Tagen der Sommer beginnt. Du hast mir immer erzählt, dass dein erstes Weihnachten mit deinem Ehemann für dich so furchtbar war, weil niemand ein Instrument gespielt hat, dafür aber alle völlig falsch gesungen haben. Du hattest damals furchtbares Heimweh, hast du erzählt. Mir hat Weihnachten immer gefallen, so, wie es bei uns war. Obwohl du immer Stress hattest. Weißt du noch – einmal hast du mir am Heiligen Abend eine Ohrfeige verpasst, ich weiß nicht mehr, weswegen. Dann musstest du zu allem Überfluss noch mit mir zum Optiker, die Brille richten lassen, und hattest noch mehr Stress. Damals hast du darüber gelacht, als alles vorbei war.“
Der Mann steht wieder auf, geht auf das Fenster zu, stemmt die Arme in die Hüften und biegt seinen Oberkörper nach hinten durch. Dann schaukelt er langsam seinen ganzen Körper hin und her, verschränkt die Arme hinter dem Nacken und streckt sich nach hinten durch.
„Jetzt ist es schon fast dunkel. Ich glaube, die Abendbesuchszeit ist gerade aus, es kommen Leute vom Eingang herüber zu den Autos. Es ist immer noch so heiß, niemand hat einen Pullover oder eine Jacke an. Du, Mama, da unten ist eine ganz tolle Frau, mit einem tiefen Ausschnitt und einem kurzen Rock. Die würde mir gefallen. Dir wahrscheinlich nicht, du warst meinen Frauen gegenüber immer so kritisch. Du weißt es sicher noch, als Andrea und ich erst zwanzig waren, wir haben uns Ringe gekauft, mit einem roten Stein drinnen, ganz billige. Als du gesehen hast, dass wir die gleichen Ringe haben, bist du ausgezuckt, in Tränen ausgebrochen. Ich glaube, du hast Angst gehabt, mich zu verlieren.“ Er lächelt, lacht sogar kurz laut auf.
„Momentan haben wir ziemlich Stress. Du weißt ja, das Ende des Schuljahres, die Maturaprüfungen, der ganze Scheiß. Da werden die Abende lang. Aber ich kann mich sowieso nicht auf meine Arbeit konzentrieren, wenn du da herinnen liegst. Kann ich genauso gut hier stehen und dir allen möglichen Unsinn erzählen.“
Plötzlich keucht die Frau laut auf, es scheint als wolle sie die Brust nach oben drücken, den Kopf streckt sie nach hinten durch. Der Mann eilt zu ihrem Bett, hält wieder ihre Hand. Nach ein paar heftigen, krampfhaften Seufzern sinkt der Kopf der Frau wieder zurück, ihr Atem wird zunächst ruhig, bald immer leiser, kaum mehr hörbar, endet. Der Mann sitzt reglos daneben, hält weiter ihre Hand, streicht mit seinem Daumen über ihren Handrücken. Bleibt so sitzen, minutenlang. Dann hebt er seine rechte Hand und versucht, der Frau mit den Fingern die Augen zu schließen. Es gelingt nicht. Sie bleiben offen. Der Mann zieht seine Hand hastig zurück und drückt auf die Klingel, die an einem Kabel über der Brust der Frau baumelt. Wenige Sekunden danach betritt eine Ärztin den Raum, sieht zunächst zur Frau, dann zu dem Mann. „Ich glaube, es ist …“ Er bringt seinen Satz nicht zu Ende, kämpft gegen Tränen an, gewinnt den Kampf.
Die Ärztin beschäftigt sich, legt Wattebäusche, die in stark riechender Substanz getränkt sind, auf die Lider der Frau, schließt sie mit silikonhandschuhgeschützten Fingern, hält die Augenlider der Toten fest.
Der Mann sieht ihr dabei zu. „Ich habe es versucht, aber …“. „So leicht geht das nicht. Ihre Augen waren ausgetrocknet, die Lider schlecht durchblutet, steif.“ „Im Film siehst das immer …“ Wieder bringt er seinen Satz nicht zu Ende. „Ich weiß. So leicht aus.“
Plötzlich keucht die Frau noch einmal, mehrmals auf. Der Mann erschrickt und sieht die Ärztin fragend an. „Nicht erschrecken. Eine ganz normale Reaktion. Bedeutet nicht, dass sie lebt. Leider.“, fügt sie nach einer Pause noch hinzu.

„Wenn Sie möchten, können Sie noch ein wenig hier bleiben.“ „Ja,“, antwortet der Mann, „Ich bleibe noch ein wenig hier.“

Alles nur Spaß

Posted: August 3, 2008 in Krimis, Thriller

Alles nur Spaß
von Herbert Dutzler

Das Klebeband schnürt mir die Handgelenke ab, meine Hände sind taub, ich kann die Finger nicht mehr bewegen. Wenn ich mich nicht an den Strohballen lehnen könnte, wäre ich schon umgefallen. Draußen höre ich sie noch, sie spielen Fußball. Immer Fußball. Es war natürlich nur Spaß, dass sie mich gefesselt und eingeschlossen haben. Es ist immer nur Spaß.
Wie in der Schule, als mich M. in die Klasse stieß. Mein Jausenbrot rutschte mir aus der Hand, und ich klatschte der Länge nach auf den Boden. Dann trat er mich in die Seite, und ein anderer verschmierte mir den Brotaufstrich im Gesicht. Damals hat mir ein Lehrer geholfen, einer der älteren, der sonst nur grauhaarig und müde durch die Gänge schleicht. Er packte M. am Kragen und riss ihn von mir weg, dann hörte ich nur mehr M. wimmern und den Lehrer brüllen.
Minuten später kam M. grinsend wieder zurück in die Klasse. Wie üblich drohte er mir. Ich wüsste schon, was passieren würde, wenn ich jemandem etwas sagte.
Am Nachmittag ging ich zu Hause ans Telefon, M.s Mutter war dran und wollte wissen, was in der Schule passiert war. M. habe zu Hause erzählt, ein Lehrer habe ihn grundlos angegriffen. War nur Spaß, bestätigte ich, wir haben nur Spaß gemacht.
Später stellte sich heraus, dass M.s Eltern sich beim Direktor beschwert hatten. Sogar das angebliche Opfer der Aggression ihres Sohnes – ich – hätte bestätigt, dass gar nichts vorgefallen war, der Lehrer völlig überreagiert hatte.
Ein paar Tage später sprang M. in der Pause einem anderen Kind auf den Rücken und riss es nieder. Der gleiche Lehrer hatte Aufsicht, er drehte sich um und tappte erschöpft davon.
Über mir ist ein schmales Fenster, das einen Sonnenfleck an die Wand gegenüber wirft. Der Fleck wandert immer weiter nach oben. Schatten von ein paar Blättern tanzen in dem hellen Rechteck. Draußen ist es ruhig geworden. Sie sind wohl heimgegangen. Auf mich haben sie vergessen. Ist ja egal, was mit mir passiert. Irgendwann wird einer kommen, mich beleidigen, dann losbinden und mir erklären, was alles passieren würde, wenn …
Ich habe in die Hose gemacht. Zuletzt hat meine Blase fast unerträglich geschmerzt, aber alle Anstrengung hat nichts genützt, plötzlich ist sie von selbst ausgelaufen, und ich habe zunächst feuchte Wärme gespürt, dann nur noch nasse Kälte. Außerdem stinkt es. Natürlich werden sie es weitererzählen, wenn sie mich befreien. Er hat sich vor lauter Angst in die Hose gepisst. Pisser, werden sie mir nachrufen.
Der Sonnenfleck ist weg, und es wird dunkler.
Gegenüber von mir lehnen ein paar Werkzeuge an der Wand, ein Rechen, ein paar Schaufeln, eine Spitzhacke. Ihre Umrisse werden immer unklarer, und bald werde ich sie nicht mehr sehen können.
Gestern kam einer von ihnen in der Pause zu mir, du hast heute keine Hausübung, ist das klar, du Scheiß Streber? Es war nicht das erste Mal, dass sie mich zwingen wollten, zu behaupten, ich hätte meine Hausübung vergessen. Gestern habe ich zum ersten Mal getan, was sie wollten. Bisher war es immer so gelaufen, dass ich meine Hausübung vorgezeigt und dafür in der Pause danach Prügel bekommen hatte. Unauffällig und versteckt, ein Schlag gegen die Brille, dass das Gestell wieder einmal verzogen war, ein Tritt zwischen die Beine, dass ich mich krümmte, und sofort wieder fröhlich pfeifend auf dem Weg anderswo hin.
Ich mache meine Hausübungen gerne. Es gehört zu den schönsten Zeiten des Tages, wenn ich mich in der Sicherheit meines Zimmers hinsetzen kann, ein leeres Blatt Papier vor mir, das ich in Ruhe beschreibe, ohne dass mir irgendjemand dabei etwas tun kann. Denken und lernen ist für mich viel einfacher, als einmal ohne Ohrfeigen aus der Schule nach Hause zu kommen. Ich verstehe gar nicht, wie man so blöd sein kann wie manche von denen. Sie wissen auf keine Frage eine sinnvolle Antwort. Manchmal kann ich ihren Zorn verstehen, wenn sie erkennen, dass ich weiß, was sie noch nie verstanden haben. Ich kann nichts dafür, dass ich hungrig nach Wissen bin.
Es fällt mir schwer, zu atmen, in der Luft muss der Staub von Heu sein, meine Nase ist fast verstopft. Aber das Klebeband über dem Mund ist dicht, ich kann nur durch die Nase atmen. Manchmal wird die Luft knapp, ich habe Angst davor, in Panik zu geraten, es ist ein Gefühl, als sei man zu lange getaucht, und könne nicht atmen, weil man noch immer unter der Wasseroberfläche…
Ich muss ruhig atmen, um genügend Luft zu bekommen. Ob meine Mutter mich schon sucht? Wenn sie bei ihnen oder ihren Eltern anruft, werden sie lügen. Ich hätte mit ihnen Fußball gespielt, nein, etwas Besonderes sei nicht vorgekommen, nein, ich sei ganz normal nach Hause gegangen. Sie wüssten von nichts. Und die Eltern würden sich bestätigt fühlen – ihre Kinder waren ja zu Hause, nur der komische Vogel aus ihrer Klasse, der Streber, der war verloren gegangen. Wahrscheinlich zu doof, um alleine nach Hause zu finden.
Ohne dass ich es wirklich gemerkt habe, ist es jetzt vollständig dunkel geworden, und ich habe unglaublichen Durst. Ich muss schon lange hier sitzen, denn meine Hose ist mittlerweile wieder fast trocken. Durch das Fenster über mir fällt ein wenig bleiches Licht, vielleicht ist der Mond aufgegangen, oder es leuchtet eine weit entfernt stehende Straßenlaterne durch die Luke. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon geschlafen habe, oder ob ich die ganze Zeit wach gewesen bin. Ich spüre meine Beine nicht mehr.
Ich muss mich zwingen, Beine und Arme zu bewegen, dass der Kreislauf wieder in Schwung kommt. Eine Zeitlang bin ich damit beschäftigt, die Arme anzuziehen, soweit es geht, und dann wieder zu strecken. Zehnmal die Arme, zehnmal die Beine. Nach einiger Zeit beginnt es zu kribbeln, ich habe es geschafft. Ich muss das jetzt regelmäßig machen, sonst kann ich nicht mehr aufstehen, wenn mich jemand befreit.
Ein anderes Problem sind die falschen Schuhe. Man braucht unbedingt in Sklavenarbeit in der Dritten Welt gefertigte Markenschuhe, um in Ruhe gelassen zu werden. Meine Schuhe sind zwar auch aus Sklavenarbeit, aber billig. Das war das einzige Mal, dass ich auch zugeschlagen habe. Einer von ihnen machte sich darüber lustig, dass mein Vater und meine Mutter zu blöd seien, um genug Geld für die richtigen Schuhe zu verdienen. Und da bin ich ausgerastet, weil ich es nicht zulasse, dass jemand meine Eltern beleidigt. Obwohl ich meinen Vater schon lange nicht mehr gesehen habe.
Natürlich endete die Geschichte so, dass der, den ich geschlagen hatte, sofort heulend zu unserem Klassenvorstand lief. Jede Menge Zeugen bestätigten, dass ich angefangen hätte, ich hätte ihn geschlagen, ohne jeden Grund. Unser Klassenvorstand ist keine Idiotin, sie wusste natürlich ganz genau, was gelaufen war. Sie wollte mit mir alleine sprechen.
Ich bin gerne mit ihr alleine. Sie ist eine schöne Frau, und es gefällt mir, wenn ich ihr gegenüber sitze und ihre dunklen Haare und ihren runden Busen ansehen kann. Womit hat er dich beleidigt, dass du zugeschlagen hast, wollte sie wissen, das ist doch nicht deine Art. Ich sagte nichts. Es hat keinen Sinn, etwas zu sagen. Ob ich etwas sage oder nicht, wenn ich in die Klasse zurück komme, gibt es Prügel, weil sie einfach davon ausgehen, ich hätte sie verraten. Es heißt dann, ich stelle mich gegen die Klassengemeinschaft. Wer sich nicht widerspruchslos schlagen lässt, stellt sich gegen die Klassengemeinschaft. Sie seufzte und ließ mich gehen.
Ich habe geschlafen. Dabei bin ich umgefallen und liege jetzt vor dem großen Strohballen auf dem Boden, es ist wieder hell geworden. Ich habe fürchterlichen Durst. Ich muss mich bewegen, und ich muss denken. Was wird sich seit gestern Abend getan haben? Meine Mutter hat wohl die Polizei verständigt, weil ich spät abends immer noch nicht zu Hause war. Warum habe ich keine Polizisten gehört? Warum habe ich nichts davon mitbekommen, dass ich gesucht werde? Es gibt nur einen möglichen Grund: Sie haben die Suchmannschaft in die Irre geschickt. Vielleicht, damit sie Gelegenheit haben, mich zu befreien?
Ich lege mir eine Strategie zurecht, für die es essentiell ist, dass ich mich gut bewegen kann. Im Liegen geht es sogar besser als im Sitzen. Arme auf und ab. Es schmerzt, aber das ist egal. Finger bewegen, Fäuste ballen, loslassen, wieder ballen. Beine anziehen, Beine strecken, Fußgelenke bewegen, rotieren lassen, soweit das Klebeband es zulässt. Es schmerzt furchtbar, aber mein Ziel lässt mich den Schmerz vergessen. Auch die Schultern kann ich bewegen, sie kreisen lassen, den Kopf vor und zurück strecken. Der Durst ist kaum mehr zu ertragen, aber ich kann mich gut bewegen.
Plötzlich rüttelt jemand an der Tür.
Es ist einer von ihnen. Ich kann sein blödes Grinsen nicht sehen, denn ich liege mit den Augen von der Tür abgewandt. Puh, hier stinkt’s! Man hört an seinem nasalen Ton, dass er sich mit den Fingern demonstrativ die Nase zuhält. Ein anderer lacht laut. Sie sind zu zweit. Wie er über den gelungenen Witz seines Freundes mit zugehaltener Nase lachen kann. Die Sau hat sich angepisst, schreit der andere, so eine Drecksau. Mehrmals wiederholen sie ihre Vorwürfe, aber ich bewege mich nicht. Ich mag gar nicht hingehen zu der Drecksau, er stinkt so, sagt der erste. Dann aber merke ich, wie sich jemand an dem Klebeband um meine Fußgelenke zu schaffen macht. Ich höre ein Ratschen, und meine Beine sind frei. Dann schneidet einer von ihnen das Klebeband um meine Handgelenke durch. Das Herz pocht mir bis ins Gehirn. Ich springe auf, stolpere, rappele mich hoch und reiße eine Schaufel von der Wand, eine mit langem Stiel und großem, dreieckigem Schaufelblatt. Ich hole aus und schwinge sie gegen die beiden. Sie sind so überrascht, dass sie sich nicht wehren. Einen von ihnen treffe ich am Kopf. Er sackt zusammen. Der andere starrt mich entsetzt an und sucht schreiend das Weite. Ich setze mich wieder vor den Strohballen, wo ich die Nacht verbracht habe. Das Klebeband vor dem Mund reiße ich mir selber herunter. Ich habe noch nie so befreit aufgeatmet. Er liegt still da. Blut sickert ihm aus Ohren, Nase und Mund.

Sie tanzte mit mir (Leseprobe)

von Herbert Dutzler

Sie tanzte mit mir. Ja, mit mir. Ich wagte nicht, sie fest an mich zu drücken, so wie die dürre Tanzlehrerin mit ihrer hysterisch schrillen Stimme es ständig von uns verlangte, aber ich hielt ihre rechte Hand in meiner linken, hatte die rechte, schwitzende, auf ihren Rücken gelegt und berührte immer wieder ihr Hüften, ihre Oberschenkel. Um uns drehten sich in diesem scheußlichen Mehrzwecksaal, der jeden guten Geschmack mit den verschiedensten Brauntönen seiner Kunstholzoberflächen strapazierte, zahllose andere Paare, aber ich sah nur ihre langen, dunklen Haare, ihre Schulter mit der grünen Bluse darüber.

Nun liegst du in meinen Armen, ich sitze auf dem kühlen Erdboden, dein Kopf liegt an meiner Schulter, und ich streiche durch deine Haare, drücke sie mit meiner Hand gegen mein Gesicht und atme ihren Duft ein. Wunderbar riechen sie, obwohl sie mit deinem Blut verklebt sind. Noch ist dein Körper warm, und diese Stunden – oder sind es bloß Minuten – muss ich genießen. Ich streiche dir sanft über den Rücken. Du hättest bei mir bleiben sollen, du hättest mir schon früher vertrauen sollen. Denn jetzt musst du mir vertrauen, du kannst nicht anders. Ich werde dich in Sicherheit bringen, mich um deinen Körper kümmern. Immer. Bis ich selber sterbe. Du kannst dich auf mich verlassen.

Wenn sie jemanden brauchte, mit dem sie Mathematik lernen konnte, war ich da. Wenn sie die Schule schwänzen wollte, um lieber am See baden zu gehen, fuhr ich mit ihr mit dem Moped dorthin. Wir badeten zusammen, sie zog sich sogar ohne jede Scham vor mir um, während ich vor Sehnsucht nach ihrer warmen Haut körperlichen Schmerz fühlen konnte, vom Bauch ausstrahlend bis in die Schläfen betäubte er alle anderen Empfindungen.

Sie erzählte mir von ihren Freunden, immer wieder neuen, die alle schon über zwanzig waren, Geld verdienten, Autos fuhren, Motorräder besaßen, sie immer wieder enttäuschten. Mir wurde übel, wenn ich nur daran dachte, was sie mit ihr machten, was sie ihr antaten, ohne dass es ihr begreiflich zu machen war, dass sie das nicht wollte, dass sie sich auf diese Typen niemals verlassen konnte, dass sie niemals ganz für sie da sein konnten.

Einmal fragte ich, ob ich ihr einen Kuss geben dürfte. „Warum sollte ich dich küssen?“, antwortete sie. Ich sei ein Freund, erklärte sie mir, eher wie ein Bruder, den sie nicht habe, jemand, mit dem man über alles reden könne, eigentlich fast wie eine Freundin. Sie wolle nicht mit jemandem schmusen, der praktisch zur Familie gehöre. Ich wollte aber weder ihr Bruder noch ihre Freundin sein, ich wollte sie für mich und ganz für sie da sein.

Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich bin kein Sexualverbrecher, ich bin kein Schwein, der einer Frau einen Stein über den Schädel schlägt, um sie dann auszuziehen und zu vergewaltigen. Ich werde dich nicht ausziehen, es genügt mir, dich in den Armen zu halten, zu riechen. Sehen kann ich fast gar nichts, denn es ist viel zu dunkel, aber das ist egal. Ich will nur spüren, dass du da bist, dass du ganz und gar mir gehörst. Du wirst schwerer. Und kühler, ich kann es fühlen. Ich neige deinen Kopf von mir weg, wische dir das Blut aus dem Gesicht, streiche über deine Wangen, deine Nase, ziehe mit meinem Finger die Kontur deiner Lippen nach, denen ich nie nahe sein durfte. Jetzt werde ich dich küssen, und es wird so schön sein, dass ich mir so viel Glück noch gar nicht vorstellen kann.

„Warum nicht?“, antwortete sie, als ich sie an einem der letzten Kursabende fragte, ob sie mit mir den Abschlussball des Kurses eröffnen wolle. Nach der Pause sollte erstmals für diese Eröffnung geprobt werden. Ich verschwand kurz auf der Toilette, danach suchte ich sie dort, wo wir uns getrennt hatten, fand sie jedoch nicht. Die Paare begannen schon, sich für die Probe der Eröffnung zu finden, aufzustellen, einzureihen. Nirgends war sie zu sehen. Doch, da! Sie hing am Arm eines anderen. Groß. Blond. Größer als ich. Und vor allem schlanker. „Du wolltest doch mit mir …!“

Sie habe vergessen. Sie habe es dem anderen schon früher versprochen. Ich solle mich nicht so anstellen. Es sei ja schließlich egal. Ich würde doch jemand anderen finden.

Ich fand niemand anderen. Mit einigen anderen Burschen, die überzählig übrig geblieben waren, drückte ich mich auf einer Stuhlreihe herum, die an einer Wand des Saales aufgestellt war. Keiner von uns, so versicherten wir uns gegenseitig, sei übrig geblieben. Man habe von vornherein keinerlei Interesse an dieser langweiligen, spießigen Eröffnungsfeierlichkeit gehabt. Man sei im Gegenteil sogar froh darüber, dem unwürdigen Spektakel entkommen zu sein.

Meine Blicke folgten ihr. Ihre Haare schwangen bei Drehungen weit aus. Glücklich lächelte sie ihrem Tänzer zu, fast verliebt. Mir war übel. Mein Magen krampfte, ich hatte das unangenehme Gefühl, in meinem verschwitzten Hemd festzustecken, eingesperrt zu sein, während ich vergeblich versuchte, mich aus dem Würgegriff meiner aufkommenden Panik zu befreien.

Anstatt mit ihr zu tanzen, trank ich zusammen mit den anderen Bier aus dem Automaten. Lächerlich aufgeblasen und mit dummen Sprüchen unsere Unzulänglichkeit tarnend, die dazu geführt hatte, dass wir nun der Ausschuss dieses Tanzkurses waren, schlugen wir unsere Bierflaschen, einander zuprostend, gegeneinander. Ich konnte die Verzweiflung in den Gesichtern der anderen sehen, die in meinem eigenen nur erahnen.

Verstehst du, das war ein Fehler, dass du ihn mir vorgezogen hast. Diese ganzen eitlen Affen nützen dich nur aus, die wissen es gar nicht zu würdigen, wie wunderbar du bist, wie einmalig schön. Die wollen sich bloß an dir vergnügen, und dann werfen sie dich weg. Damit ist jetzt Schluss, du hast Ruhe vor ihnen, ich werde dich von jetzt an beschützen. Ich muss dich an einen sicheren Ort tragen, ich weiß auch schon, wo das sein wird.

Ewige Nacht

Posted: Juli 31, 2008 in Thriller, Veröffentlichungen

Ewige Nacht (Leseprobe)

von Herbert Dutzler

Ich war gerade dabei, vom Tiefschlaf in einen halbwachen Dämmerzustand zu gleiten, als ich meine volle Blase schmerzhaft spürte. Ich würde so nicht wieder einschlafen können, wälzte mich aus dem Bett und schlich aufs Klo. Es war noch stockfinster. Gut, dachte ich, es ist noch tiefe Nacht, du kannst noch ein paar Stunden schlafen. Wieder zurück im Schlafzimmer fiel mein Blick auf die roten Ziffern des Radioweckers. 6:10. Eigenartig. Der Wecker musste falsch eingestellt sein. Um diese Zeit mussten Lichtstrahlen durch die Schlitze in den Jalousien sickern, die das Zimmer in Dämmerlicht tauchten. Ich glitt unter die Decke und griff nach meiner Uhr. 6:11. Seltsam. Ich stand wiederum vorsichtig auf, um meine Frau nicht zu wecken, und tappte steif hinunter in die Küche. Die Uhr an der Mikrowelle zeigte 6:12. Hatte ich etwa nur geträumt, es sei Mai? Ich stellte den Fernseher an, um mir mit der Uhr der Teletextanzeige Gewissheit zu verschaffen. Weißes Rauschen. Das Kabelfernsehen war ausgefallen. Ein unangenehmer Druck machte sich im oberen Brustbereich bemerkbar. Angst. Ich warf einen Blick aus dem Küchenfenster auf die Straße. Die Straßenbeleuchtung brannte, sonst völlige Stille.

Wieder im Schlafzimmer oben flüsterte ich Laura zu „Es ist schon viertel nach sechs, und noch stockdunkel!“. Plötzlich stand sie neben dem Bett. Sie hatte die gefährliche und unangenehme Gewohnheit, wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett zu springen, sobald sie erwachte. Schlaftrunken fragte sie mich, was los sei, ich wiederholte meine Erklärung und zog den Rollladen vor dem Fenster hoch. Sie tappte zu mir. Gemeinsam stellten wir fest, dass es immer noch stockdunkel war. „Gestern war der 9. Mai, richtig?“, fragte ich. Meine Frau starrte mich an, ohne mir zu antworten. „Ich habe schon drei Uhren gecheckt.“, sagte ich. „Es ist viertel nach sechs. Es müsste hell sein.“ Laura schüttelte nur den Kopf, so, als könnte sie nichts von dem Unsinn glauben, den ich erzählte.

Sie zog nun auch den Rollladen vor der Balkontür hoch. Die Tür wies in Richtung des Sonnenaufgangs. Wir starrten hinaus. Nicht einmal ein heller Streifen war am Horizont zu sehen. Ich öffnete die Tür und trat auf den Balkon. Es war kalt. Scheinwerfer glitten auf einer entfernten Straße vorbei. Man hörte einen Zug auf der Bahnstrecke vorbei fahren, die in unserem Rücken lag.

Wir sahen uns an ohne uns gegenseitig erklären zu müssen, dass etwas nicht stimmte. „Gestern war der 9. Mai.“, sagte meine Frau. Ich ging ins Zimmer zurück, schlüpfte in ein T-Shirt und eine Hose. Vorsichtig öffnete ich Valentins Zimmertür und machte Licht. „Zeit zum Aufstehen!“ Noch wollte ich nicht von der gewohnten Routine abweichen und eher an eine Sinnestäuschung, ein besonderes Wetterphänomen oder sonst was glauben. Valentin besaß als einziger im Haus ein Radio, das vom Kabelnetz unabhängig empfangen konnte. Ich nahm es vom Fensterbrett, stieg über die Treppe ins Wohnzimmer hinunter und stellte es auf den Esstisch, um nach umständlichen Manipulationen festzustellen, dass ich es auf den Schoß nehmen musste, weil das Kabel zu kurz war. Laura kam mir nach, sie hatte sich ebenfalls angezogen. Sie probierte noch einmal das Kabelfernsehen. Tot, keine Sender. Valentins Radio hatte ich noch nie eingeschaltet, ich brauchte eine Zeit, bis ich alle Frequenzen gefunden und durchsucht hatte. Kein Sender. Ich trug das Radio zum Fenster, drehte nach einem neuerlichen Suchvorgang an der Antenne herum, nichts.

Meine Frau kaute an ihren Fingern, ein Zeichen nahender Panik. „Was sollen wir tun?“ fragte sie. „Was sollen wir denn tun? Tu irgendwas!“ Sie neigt zur Irrationalität, wenn sie mit Situationen nicht klar kommt.

Unsere Kinder hatten gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war. Madita kam herunter. „Es müsste schon hell sein. Was ist los?“ Sie bekam keine Antwort. „Scheiße. Ich habe heute Matura.“ Sie flog aus dem Zimmer und unter die Dusche. Vorläufig hatte sie ihre Tagesplanung nicht umgestellt.

„Ich ruf meinen Vater an.“, sagte ich zu Laura. Er stand immer bald auf. Was ich brauchte, war Sicherheit – lebten wir in einer Sinnestäuschung, oder war etwas Unvorstellbares passiert?“ Mein Vater meldete sich nach dem fünften Läuten. „Papa,“ begann ich, aber er unterbrach mich sofort. „Ich weiß,“, sagte er, „es müsste längst hell sein. Sogar strahlend hell – ich kann den Sternenhimmel sehen, es gibt keine Wolken.“ „Du hast doch eine Satellitenschüssel,“ schöpfte ich Hoffnung, „kannst du…“. Er ließ mich nicht ausreden. „Kein Sender. Gar keiner. Von nirgendwo.“

Meine Stimme kippte in die Panik. „Papa, geht nicht aus dem Haus. Es muss etwas Fürchterliches passiert sein. Es wird nicht mehr hell.“ Jetzt hatte ich das Offensichtliche ausgesprochen, und für mich wurde es dadurch erst Wirklichkeit. Es wurde nicht hell. Laura war ans Ostfenster des Wohnzimmers getreten, offensichtlich in der Hoffnung, endlich einen hellen Streifen am Himmel wahrnehmen zu können, doch da war nichts.

Valentin kam zu uns. Er setzte sich auf meinen Schoß, legte die Arme um meinen Hals und schloss die Augen wieder. „Warum ist es nicht hell?“ Ich schluckte. Wie sollte ich ihm etwas so Unglaubliches erklären, von dem ich keine Ahnung hatte? Hunderte Vorhersagen über zu erwartende Katastrophen hatte ich in den letzten Jahren gelesen, von Vulkanausbrüchen, Tsunamis, Klimakatastrophen, was weiß ich. Niemand hatte uns jemals darauf vorbereitet, dass es eines Tages möglicherweise nicht mehr hell werden würde.

„Wir frühstücken jetzt.“ Ich versuchte, dem Tag – Tag? – einen normalen Ablauf zu geben. Essen mussten wir, ob es hell wurde oder dunkel blieb. „Aber wir bleiben im Haus. Wer weiß, was passiert ist.“


Veröffentlicht in: Kurzgeschichten 9/2007. (www.kurzgeschichten.biz)