„Sophie, bringst mir den Fenchel-Orangensalat herüber? Ja. Den tun wir dann zu den Debrecziner-Scheibchen in Blätterteig. Nein, die Entenbrust, die kannst noch eingeschweißt lassen. Die mach ich dann selber.“
Irgendwie ist es mit dem Ferdi dann einfach nimmer gegangen. Monatelang, was heißt monatelang, eigentlich jahrelang bin ich ihm in den Ohren gelegen. Dass wir was machen müssen aus diesem Standort. Dass man da nicht ewig Burenhäutl, Klobassa und Dosenbier verkaufen kann. Ich mein, wozu bin ich denn die Tourismusschule gegangen? Matura mit Auszeichnung! Und bei einem Haubenkoch ein Praktikum gemacht. Ich frag Sie, wozu? Wenn man dann nichts macht aus so einem Standort! Gleich ums Eck die Staatsoper! Vor der Nase, praktisch, die ganzen Kaiser in der Kapuzinergruft! Hinten das wunderbare Museum! Gut, den Hasen vom Düringer, den zeigen sie ja jetzt gerade nicht. Weil der Bleistift von damals das Licht nicht verträgt, hört man. Hätt er sich halt einen besseren Bleistift kaufen sollen, der Düringer. Ja, Dürer, natürlich. Der Düringer, das ist ja dieser ordinäre Kerl vom Fernsehen. Der zeichnet sicher keine Hasen. Kann man ja einmal verwechseln, nicht. Aber trotzdem! Jede Menge Japaner! Jetzt die Russen! Ich hab sogar schon Russisch gelernt. Strastwitje. Baschalsta. Charascho. Und dann schon die Chinesen. Mihau. Die werden in Massen kommen, das sagen alle. Da musst du vorbereitet sein. Und den chinesischen Gatsch, den haben sie selber zu Hause. Den brauchen sie hier nicht. Da steigen einem ja die Grausbirnen auf, bei dem, was die Chinesen-Standln verkaufen. Knusprige Ente auf Nudeln im Pappstanitzel. Und die Fertigsoßen aus dem Flaschl drübergepatzt. Pfui Teufel. Das können Sie mir glauben, irgendwann werden sie bei der Wissenschaft draufkommen, dass wir alle an diesen grauenhaften Geschmacksverstärkern sterben werden. Glutamat. Und C null null irgendwas. Das sag ich Ihnen. Kommt bei mir natürlich überhaupt nicht in Frage! Das wär ja noch schöner!
Da kannst du, habe ich dem Ferdi immer wieder gesagt, da kannst du hier, an diesem Standort, nicht einfach Würstel verkaufen, immer das gleiche, wie der Vater und der Großvater. Ein Würstelstand, hat der Ferdi aber gemeint, ist und bleibt ein Würstelstand. Und ob ich vielleicht nicht zufrieden bin, hat er mich gefragt. Immerhin, jedes Jahr Gran Canaria. Einmal sogar Mauritius. Das sag ich Ihnen aber im Vertrauen, den Fraß dort, den brauch ich nicht geschenkt. Da sind sogar unsere Burenwürste noch besser gewesen, und die sind nicht einmal Bio.
Hab ich gesagt, Ferdi, hab ich gesagt, wir machen ein Gourmetstandl. Ich mein, architektonisch haben wir ja damals schon was gleichgeschaut. Ist ja nicht so, dass wir so eine weiße Plastikbude hingestellt haben, oder einen billigen Marktwagen. Aber der Ferdi, der hat mir die meiste Zeit ja nicht einmal zugehört. Wenn er auf dem Sofa gelegen ist, immer nur Fußball, Fußball, Fußball. Da treten sie stundenlang den Ball herum, und wenn ich einmal mit ihm reden will, da geht es Pscht! Pscht! Als wenn man da was verpassen tät, wenn ich mit ihm was Wichtiges zu besprechen hab. Schauen hätt er ja eh können. Zuhören hätt er mir halt sollen, der Ferdi. Da kann ich nur sagen, selber schuld!
„Ja, Herr Hofrat? Was wir heute für eine Suppe haben? Karotten-Ingwerschaumsüppchen. Mit einem Speck-Blätterteigstangerl dazu. Ja? Sehr schön, Herr Hofrat. Einen weißen? Heute hätt ich den Gelben Muskateller vom Schandl im Angebot, aus Rust. Ein Gedicht, ich sag’s Ihnen! Gern!“
Vom Schandl, da hab ich mir die Speckzwetschken abgeschaut, die es dort beim Heurigen immer gibt. Passen hervorragend zu einem Happen mit selber gemachter Wildpastete! Natürlich hab ich mein Standl nicht Gourmetstandl genannt, das ist ja abgeschmackt bis zum Erbrechen. Jeder Supermarkt nennt sich heute schon „Gourmet“, wenn’s mehr gibt als ein bissl abgepackten Pressschinken und vielleicht einen billigen Lachs aus Aquakultur. Da kann ich ja nur lachen. Da müssen Sie bei mir einmal den Alaska-Lachs kosten. Ich hab da einen, der fischt ihn dort direkt aus dem Eiswasser. Und ich zahl ihm nur den Fisch, die Reise zahlt er sich selber. Für den ist das ein Urlaub, wochenlang im saukalten Wasser herumstehen. Na ja.
Also ich hab’s dann „Armgards Essen“ genannt. Das ist schlicht, kreativ, originell. Und „Essen“ verstehen sogar die Japaner und die Chinesen. „Finest Fingerfood“ hab ich dann noch dazugeschrieben, für die Amis. Und die Russen. Ich sag’s Ihnen! Wenn da eine Gruppe von den Russen aus der Oper kommt, da werd ich locker fünf, sechs Flaschen Champagner los. Kristallglas, natürlich. Die Weiber in solchen Stöckelschuhen! Und mitten im Winter mit den Miniröcken, halbnackert. Wie am Gürtel. Aber Geld wie Heu. Mir kann’s ja egal sein, Hauptsache sie zahlen. Wenn’s ein Glasl zusammenhaun, geben die freiwillig einen Fünfziger her. Und den teuren Schnaps von dem Edelbrenner da aus Oberösterreich, den kaufen’s mir gleich flaschenweise ab. Wachauer Marille, Wildheidelbeere, Birne, was du willst. Da tät der Ferdi schauen, wenn er das sehen tät! Aber er kann’s ja nimmer sehen.
1
Da hätte Gasperlmaier nicht unbedingt dabei sein müssen.
Wo er doch Begräbnisse überhaupt nicht ausstehen
konnte. Schon allein der Trauermarsch löste in seinem
Kehlkopf dieses seltsame Würgen aus, das ihm Tränen
in die Augen trieb. Dabei hatte er die Voglreiter Friedl ja
nicht einmal gut gekannt. Aber die trübseligen Mienen
der Verwandten und Bekannten, die Blasmusik und das
verhaltene Schluchzen seiner Mutter, die an seinem
Arm hing und schon eine ganze Packung Papiertaschentücher
aufgeweicht hatte, führten auch bei ihm selbst
dazu, dass die Augen feucht zu glänzen anfingen.
Dabei, so dachte er bei sich, war ja die Friedl nicht
unbedingt das gewesen, was man einen herzlichen
Menschen nannte. Er konnte sich noch gut daran erinnern,
wie sie immer gekeppelt hatte, wenn er und der
Voglreiter Loisl, damals einer seiner besten Freunde,
beim schönsten Wetter in dessen Zimmer gehockt
waren und die Köpfe in Bessy- und Mickymaus-Hefterln
gesteckt hatten, anstatt, wie Loisls Mutter es für
vernünftig gehalten hätte, ihren Bewegungsdrang auf
der Wiese, im Wald oder im Winter am Rodelhügel auszuleben.
Einmal, so erinnerte sich Gasperlmaier, war
sie ihnen sogar mit dem Besen nachgerannt, nur weil
sie sich einen ganzen Wecken Brot aufgeschnitten, dick
mit Butter bestrichen und mit Zwiebeln belegt hatten.
Die Voglreiter-Küche hatte, das musste Gasperlmaier
zugeben, nach dieser Jause zwar einigermaßen ausgeschaut,
weil sie anscheinend nicht daran gedacht
hatten, die Zwiebelschalen und die Brotbrösel wegzuputzen
und die ganze Küchenkredenz überdies mit
Butter verschmiert war, aber musste man deswegen
gleich so einen Aufstand machen? Immerhin hatten
sie sich selbst was zu essen hergerichtet und sich nicht
wie die heutigen verwöhnten Fratzen im Auto zum
Hamburger-Imbiss
chauffieren lassen, damit sie dort
ordentlich an ihren Speckrollen und an verfrühter Diabetes
arbeiten konnten.
Jetzt war sie also tot, die Voglreiter Friedl, die zeitlebens
über alles Mögliche und Unmögliche gejammert
und geklagt hatte, und seine Mutter, die ja eine
ihrer besten Freundinnen gewesen war, hing an seinem
Arm und öffnete gerade das zweite Packerl Papiertaschentücher.
Dass aber immer gerade dann, wenn
Gasperlmaier so einen Pflichttermin auf dem Altausseer
Friedhof wahrzunehmen hatte, ein derart grauenhaftes
Wetter sein musste. Bald war Ostern, und dennoch
pfiff ein eisiger Wind vom Loser herunter, dass es die
Schneeflocken fast waagrecht zwischen den Gräberreihen
hindurchtrieb. Gasperlmaier griff nach seinem
Hut, der ihm davongeweht zu werden drohte. Zwischen
dem Loisl und seiner Schwester, die vor ihnen am offenen
Grab standen, konnte Gasperlmaier den Pfarrer
sehen, der offenbar völlig unbeeindruckt vom Wetter
ein Gebet nach dem anderen herunterratschte, während
seine Soutane im Wind knatterte und sich sein
schütteres, langes Haar, das er über die Glatze gelegt
hatte, von derselben löste und wie ein grauer Wimpel
in Richtung See hinunter flatterte. Gasperlmaier war
froh, dass er seinen Schladminger angezogen hatte. Der
war zwar so schwer und so steif, dass er damit nicht
einmal Auto fahren konnte, aber bei einem solchen
Wetter drangen weder Kälte noch Nässe durch den
dichten Lodenstoff hindurch.
Endlich war es so weit, der Pfarrer trat vom Grab
zurück, und der Sarg wurde in die Grube hinuntergelassen.
Plötzlich gab es einen Aufschrei, einer der Män7
ner, die an den Seilen standen, verlor den Halt auf dem
schlammigen Boden, weil ein Erdbrocken unter seinen
Füßen nachgegeben hatte und lautlos in der nassen
Grube verschwunden war. Kurz hing der Sarg schräg
im Schacht, bevor sich der Mann wieder aufrappelte
und schließlich und endlich die Friedl doch sicher und
wohlbehalten in ihrem Grab angekommen war.
Heulend trat Loisls Schwester ans Grab heran und
warf einen Blumenstrauß und die übliche Schaufel Erde
auf den Sarg hinunter. Gasperlmaier hielt nicht viel
davon, Blumen in eine Grube zu werfen, die ohnehin am
selben Tag noch zugeschüttet werden würde. Gleichzeitig
aber erinnerte er sich daran, dass ihn seine Christine
gelegentlich schalt, er nehme Gefühle oft ebenso
wenig wahr, wie er sie zeige, sogar als direkt gefühllos
hatte sie ihn anlässlich mancher Auseinandersetzung
schon bezeichnet. Gasperlmaier war da ganz anderer
Meinung, er hob sich seine Gefühle für Gelegenheiten
auf, wo sie einen Sinn hatten. Wenn zum Beispiel eines
seiner Kinder wieder einmal einen Pokal vom Skifahren
heimbrachte, erfüllte ihn das mit Stolz, und das, so fand
er, war ein angenehmes, aufheiterndes Gefühl, das er
gerne auskostete. Die Skisaison, so dachte Gasperlmaier
betrübt, die lag gerade in den letzten Zügen.
Der Loisl trat mit steinerner Miene an die Grube
heran, mit einer einzelnen Rose in der Hand, und Gasperlmaier
hatte das Gefühl, als werfe er sie ein wenig
heftig, fast zornig in die Grube. Auch das Schäufelchen
Erde, das er hinterherwarf, prasselte lauter auf den
Sarg als das seiner Schwester. Bald waren Gasperlmaier
und seine Mutter an der Reihe. Die Mutter klammerte
sich nun noch fester an Gasperlmaiers Arm, als sie
direkt vor der Grube standen. „Pfüat di, arme Friedl!“,
schluchzte sie, als sie ihre Nelken hinunterwarf. „Hast
es nicht leicht gehabt, gell?“ Gasperlmaier fragte sich,
ob seine Mutter gedachte, noch länger Zwiegespräche
mit der Verstorbenen zu führen, die Situation war ihm
peinlich, standen doch sicher noch mehr als hundert
Leute hinter ihnen, die auf gleiche Weise Abschied von
der Voglreiterin nehmen wollten.
„Komm jetzt, Mama!“ Sanft versuchte Gasperlmaier,
die Mutter vom Grab wegzuziehen, die zunächst ein
wenig Widerstand leistete, dann aber nachgab und erst
recht hemmungslos zu schluchzen begann. Eigentlich
war es immer das Gleiche, ob Hochzeiten oder Todesfälle,
ob es sich um nähere Verwandtschaft, Bekanntschaften
oder nahezu Fremde handelte – seine Mutter
heulte immer, was das Zeug hielt. Fast hatte Gasperlmaier
den Verdacht, dass sie oft nur deswegen zu Begräbnissen
ging, um ihre fast schon zwanghafte Sucht
nach emotionalen Elementarereignissen zu befriedigen.
Eine Viertelstunde später trat Gasperlmaier in
die gut beheizte Stube des Schneiderwirts, nahm seinen
Hut ab, entledigte sich seines Schladmingers und
hängte beides an einen Kleiderhaken. Dann half er
seiner Mutter aus ihrem, wie er fand, viel zu dünnen
schwarzen Mantel. Er war, so stellte Gasperlmaier fest,
völlig durchnässt. „Mama, ich häng dir deinen Mantel
zum Heizkörper da hinüber!“ „Danke!“ Gretl Gasperlmaier
strahlte ihren Sohn an, nachdem ihre Tränen auf
dem Weg vom Friedhof zum Leichenschmaus beim
Schneiderwirt endlich versiegt waren. „Bist ein guter
Bub!“ Sie trat an Gasperlmaier heran, zog die Kragenenden
seines Hemdes zurecht und strich ihm über die
Weste. „Ich bin kein Schulbub mehr, Mama!“ Er hasste
es, wenn sie an seiner Kleidung herumnestelte, damit
sie ihrer Meinung nach richtig saß. Er kam sich vor
wie ein Idiot, wenn sie ihn wie ein Kleinkind behan9
delte, schließlich war er sechsundvierzig Jahre alt,
Polizeiinspektor und hatte zwei fast erwachsene Kinder.
Nicht einmal die ließen sich bei ihrer Kleidung
etwas dreinreden, aber seine eigene Mutter hatte sich
noch immer nicht daran gewöhnen können, dass er
sich schon alleine anziehen konnte. „Sei doch nicht so
empfindlich!“ Die Mutter zog ein beleidigtes Gesicht.
Bild
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Veröffentlicht: 20. Dezember 2012 in Uncategorized




















