Ausschnitt aus einem noch unveröffentlichten Kriminalromen mit dem vorläufigen Arbeitstitel
“Von Schnee bedeckt”
von Herbert Dutzler
Ich machte mich auf zur Stunde in meiner siebten Klasse. Ich rechnete damit, dass sie während der beiden ersten Stunden bereits ausgiebig Gelegenheit zum Tratsch über den Selbstmord gehabt hatten. Deswegen hoffte ich, ich würde etwas Vernünftiges mit der Klasse anfangen können.
Ich sperrte das Konferenzzimmer auf, um meinen Kram für die siebte zu holen. Überall standen kleinere und größere Grüppchen von Kollegen und Kolleginnen herum, über das Thema ihres Smalltalks musste ich mir keine Gedanken machen. Ich vermied, mich einer Gruppe anzuschließen, packte mein Englischbuch, meine CDs, einen der herumstehenden CD-Player (hoffentlich würde er funktionieren, das konnte man nie vorhersagen), meine Mappe und mein Schreibzeug und schob mich, nachdem es mir gelungen war die Tür zu öffnen, obwohl ich an beiden Armen schwer beladen war, auf den Gang.
Nach zwei Minuten, in denen ich an sechs Stellen stehen geblieben war, um Schülergrüppchen und -horden, die noch auf dem Gang Krawall machten, in ihre Klassen zu scheuchen, kam ich in der 7B an. Eine Gruppe von Schülern drängte sich um ein geöffnetes Notebook, auf dem wohl irgend ein Ballerspiel lief, und ein paare andere stopften sich hastig die Überreste ihrer Leberkäsesemmeln ins Gesicht. Im Prinzipaber war es eine gutwillige Klasse, du so stoben sie sofort zu ihren Sitzplätzen und warteten – teils kauend – auf mein Kommando „Please take your seats.“ Das Aufsteh- und Setzritual war mir als junge Lehrerin völlig absurd vorgekommen. Jetzt aber wusste ich es zu schätzen, weil für alle damit eindeutig klar gestellt wurde: „Jetzt ist die Lehrerin da, jetzt beginnt die Stunde.“ Und sie begann mit einer Beschwerde.
Max meldete sich zu Wort, wie immer ohne aufzuzeigen. „Wann kriegen wir die Schularbeit zurück?“ Es war mir nicht zu dumm, ihn zuerst darüber aufzuklären, dass dies die Englischstunde sei, dass er sich daher bei Anfragen der englischen Sprache zu bedienen habe, dass Anfragen durch Handzeichen angekündigt zu werden pflegen und dass sie das Wort „Please“ im Satz zu führen hätten.“ Ich erklärte ihm, dass sie Schularbeit am Freitag gewesen sei, dass wir heute Donnerstag hätten, und dass sie daher die Schularbeit spätestens morgen zurückbekommen würden, so, wie es das Gesetz vorsieht. „Sie müssen die Schularbeit innerhalb einer Woche zurück geben!“ begehrte er neuerlich auf, und ich erklärte ihm nochmals – auf Englisch – dass ich das eben zugesagt hätte. Ich wollte den Streit allein aus Zeitgründen nicht auf die Spitze treiben und ihm etwas entgegenkommen, also entschloss ich mich, auf Deutsch zu antworten. „Max,“, log ich „bitte versteh: Ich hatte sie schon fast fertig korrigiert, aber gestern erfuhren wir vom Tod unseres Direktors. Ich war wirklich schlecht drauf, das kannst du dir doch vorstellen. Und ich garantiere eine Rückgabe morgen.“ Er antwortete nicht, doch sein Blick verriet, dass er gerne weitergekämpft hätte – diesen sturen und bockigen Ausdruck kannte ich zur Genüge.
Es war typisch für ihn – er, der selbst niemals Termine einhielt, der Schularbeiten verpasste, häufig fehlte – gerade er bestand auf frühest möglicher Rückgabe der Schularbeiten. Obwohl er nicht viel zu hoffen hatte. Er bereitete sich selten auf Arbeiten vor und machte zudem viel zu viele Fehler. Diese Schularbeit war die erste im Schuljahr gewesen, und es war ihm wohl noch nicht ausreichend bewusst geworden, dass er bisher aber auch gar nichts geleistet hatte, was zu einer positiven Beurteilung hätte führen können.
Max Walkner. Lang, sehr dünn, lange, meist fettige Haare, die gelegentlich zumindest eines seiner dunklen Augen verdeckten. Er wirkte oft sehr müde, so, als ob er die Nächte nicht mit Schlafen verbringen würde, und war meist nachlässig bis abgerissen gekleidet. Wenn er sich gepflegt hätte, hätte er ein hübscher Bursche sein können. Er war das erste Jahr in dieser Klasse, wir hatten ihn von einer katholischen Privatschule geerbt, die ihn hinausgeworfen hatte. Wofür und warum, das war zumindest mir nicht klar, denn Hölzl hatte uns nicht näher darüber informiert. Privatschulen machen es sich in dieser Hinsicht leicht: Sie warfen Schüler ohne Angabe von Gründen jederzeit hinaus, wenn ihnen an der Person irgendetwas nicht zusagte. Lehrer übrigens auch. Eine paradoxe Situation, denn die Lehrerinnen und Lehrer werden vom Staat bezahlt, müssen sich aber einem ungeschriebenen katholischen Dienstrecht unterwerfen. Einer der Gründe, warum ich aus der Kirche ausgetreten war und mich glücklich schätzte, nicht an einer Privatschule unterrichten zu müssen. Die Gewerkschaft – dank glanzvoller Funktionäre wie zum Beispiel Hölzl – hatte es nie für nötig gehalten, gegen diesen paradoxen Zustand zu kämpfen.
Max Walkner also. Aggressiv, provokant, nachlässig, keine Arbeitshaltung. Er kam aus einem so genannten „guten Haus“, seine Mutter war Ärztin, allein erziehend, und da sie im Krakenhaus arbeitete, konnte man davon ausgehen, dass Max viel sich selbst überlassen war. Sie hatte einmal auf einem Elternsprechtag darüber geklagt, dass sie nicht wisse, wie sie mit Max umgehen sollte. Sie war klein, dunkelblond, sympathisch, aber sie wirkte ausgebrannt und deprimiert. Die vielen Probleme mit dem Sohn hatten ihr wohl sehr zugesetzt. „Er tut, was er will.“, hatte sie damals geklagt. „Ich bringe ihn nicht dazu, sich an Regeln zu halten. Wenn ich damit drohe, ihm kein Geld mehr zu geben, wird er aggressiv.“ Sie hatte es nicht leicht mit diesem Burschen, ebenso wenig wie wir. Dennoch, manchmal hatte man das Gefühl, dass er immer noch damit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit Erwachsener auf eine Art auf sich zu ziehen, dass man denken konnte, er suche einen Mutter- oder Vaterersatz. So zumindest nach meiner Hausfrauenpsychologie.
Ich wollte mit der Klasse heute, nach der ersten Schularbeit, ein neues Thema angehen und versuchte zu ignorieren, dass Max eines seiner Ohren mit einem iPod-Kopfhörer zustöpselte.
Ich versuche oft , an ein neues Thema mit einem Überraschungseffekt heranzugehen, und legte eine Folie auf den Overheadprojektor. Es war eine Reproduktion des Bildes „Der Jungbrunnen“ von Lukas Cranach. Ich verstehe nicht viel von Kunst, aber ich hatte das Bild ausgewählt, weil es einerseits in ganz klassischer Manier alter Meister gemalt war, sich andererseits auf ihm zahlreiche nackte Menschen tummelten. Meine Absicht war, zu thematisieren, wie und warum Nacktheit auch heute noch oft so provokant wirkte, dass sie Diskussionen über künstlerischen Wert einer Arbeit kaum zuließ.
Auf die Tafel schrieb ich dazu das Wort „ART“ mit einem Fragezeichen dahinter.
Meine Klasse wusste ohne Aufforderung, was sie zu tun hatte: Sie konnten entweder stichwortartig auf der Tafel dazu Stellung nehmen, eine spontane mündliche Aussage dazu machen oder aber eine mündliche Aussage in Form einer mind-map vorbereiten. Ich wusste, dass die Mehrzahl meiner Schüler, was Kunst betraf, eher konservativ war, und wartete gespannt auf die Ergebnisse. Natürlich war als Überraschungseffekt auch die Frage geplant, warum Cranach vor etwa 500 Jahren nackte Menschen malen konnte, während heute noch manche Konservative – vor allem prominente Hetzblätter – Probleme mit Brüsten, Hintern und Penissen in der Kunst hatten.
Die Reaktionen waren durchaus im Bereich des Vorhersehbaren – Beate etwa meinte, das Bild sei auf jeden Fall Kunst, weil es dem Maler gelungen wäre, die Sache klar und „realistic“ darzustellen. Auf eine Realismusdebatte konnte und wollte ich mich nicht einlassen. Ich stimmte ihr zu, versuchte nur, ihr Stellungnahme sprachlich etwas aufzupeppen, sodass sie jene Wörter lernen konnte, mit denen man das, was sie sagen wollte, besser ausdrücken konnte.
Andere wieder nannten das Bild „old-fashioned“. Ich stimmte ihnen insofern zu, als es wohl „old“ sei, aber Alter für mich kein Qualitätsmerkmal darstelle – weder positiv noch negativ.
In solchen Debatten war es oft schwierig, als Lehrerin einen sinnvollen Grat entlang zu wandern: Einerseits brauchten Jugendliche unbedingt Zuspruch. Damit sie sich äußerten, musste man ihnen das Gefühl vermitteln, ihre Meinung werde ernst genommen, akzeptiert, als gute Idee erkannt. Andererseits musste man auch versuchen, ihre Gedanken behutsam in Richtungen zu lenken, in die sie bisher nicht gedacht hatten. In der Fremdsprache kam noch dazu, dass ich ihre Statements oft in anderen Worten wiederholte, um sprachlichen „Input“ zu erzeugen. Das wiederum sollte natürlich nicht dazu führen, dass sich Schülerinnen ständig korrigiert fühlten.
Florentina war die Exotin in der Klasse: Sie strickte und trug ihr selbst Gestricktes auch: Ich ließ sie stricken, denn es half ihr offenbar beim Denken. Sie war den meisten anderen intellektuell bei weitem überlegen.
„Of course it’s art.“, sagte sie, von ihren Stricknadeln aufschauend. Ich mochte sie nicht nur wegen ihrer soliden Beiträge im Unterricht, sie erschien mir manchmal auch als eine jüngere Ausgabe von mir selbst. Sie war völlig unangepasst, hatte ebenso wilde Haare wie ich, die sie mit einem Band am Hinterkopf zu kontrollieren versuchte, war frech und scharfsinnig. Sie ließ sich schon in ihrem Alter von Männern keinen Unsinn verzapfen und war so zu schlechten Betragensbeurteilungen von mehreren männlichen Kollegen gekommen. „For the time he lived in it must have been innovative. Otherwise people wouldn’t have been interested. Today, you must see it in its historical context.” Ja. Das war’s. Ich bezweifelte aber, dass die meisten anderen überhaupt genau verstanden hatten, wovon sie redete.
Insgesamt verlief die Debatte sprachlich ergiebig. Am Ende hatten sich alle 18 in inrgendeiner Weise sprachlich zu einem doch recht sperrigen Thema geäußert. Eine der wenigen, die sich trotz ihrer Strickerei Notizen machte, war Florentina. Ich predigte zwar meinen Schülerinnen immer und immer wieder, dass sie sich Verlauf und Ergebnisse von Gesprächen kurz notieren und dann übersichtlich archivieren sollten – aber offenbar mussten sie selbst erst einmal ausgiebig auf die Nase fallen, bevor sie das wirklich wahrhaben wollten und begriffen.
Zum Thema, warum das Bild trotz der zahlreichen nackten Menschen offenbar keinen Skandal verursacht hatte, fiel meiner Klasse wenig ein, meine Nachfrage hatte nur betretenes Schweigen zur Folge. Als sprachliche Reaktionen konnte ich dennoch mehr als nur Schulterzucken verbuchen: Immerhin gab es einige „don’t knows“ und „No ideas“, auch ein „how should we know“, die demonstrierten, dass die sprachliche Kompetenz, Nichtwissen zu kommunizieren, einigermaßen akzeptabel ausgeprägt war.
Als zweites Bild legte ich eine Folie von Piet Mondrians „Komposition mit Rot, Gelb und Blau“ auf den Overhead und wartete gespannt auf Reaktionen. Mondrians Bilder sind hervorragend dazu geeignet, Reaktionen in der Art „Das kann jedes kleine Kind malen“ hervorzurufen.
Fast erstickte Florentina meine Absicht. „It’s a Mondrian picture. We talked about him in art. He tried to reduce everything to basic forms.” Ach Gott, sie hatte es schon wieder auf den Punkt gebracht, würde jetzt noch jemand überhaupt etwas sagen wollen?
Max, der sich bis jetzt demonstrativ unbeteiligt verhalten hatte, öffnete seinen Haarvorhang, in dem er ein paar Strähnen hinter die Ohren schob.
„Das ist keine Kunst, das ist Scheißdreck.“ Ich war über seine Reaktion so verblüfft, dass ich nicht als erste reagierte. „Halt doch du die Pappen, du Nazi!“ Sabine, Florentinas Nachbarin und Freundin, war schneller als ich. Sie war nicht so brillant wie ihre Freundin, aber sie war die Frau für’s Grobe, die oft unangenehme Wahrheiten in einfache Worte verpackte. Ziemlich laut, und ziemlich energisch schickte sie noch ein paar Beschimpfungen hinten nach. Es ging in Richtung auf einen Tumult zu. Einige reagierten auf Sabine, einige widersprachen ihr, kaum hörte ich Stimmen, die direkt an Max gerichtet waren, der wieder abwesend, wie vorher, auf seine Tischplatte starrte. Ich versuchte mit Händen und Stimme, die Klasse wieder einzufangen. Jetzt nur die Ruhe bewahren. Beiden – Max und Sabine – musste ich erklären, dass sie nicht ihre persönlichen Gefühle in den Vordergrund stellen sollten, sondern zur Sache und in sachlicher Wortwahl Stellung beziehen sollten. Ich redete von „arguments“ und „facts“, die ich lieber hören wollte als Schimpfwörter, noch dazu, wenn sie nicht Englisch waren. Ich merkte selbst, dass ich mich emotional und etwas chaotisch äußerte, weil mich die aggressive Stellungnahme von Max ziemlich erschrocken hatte. Was war mit dem Knaben los? Welche Aggressionen brachen sich da Bahn, indem er auf ein so harmloses Kunstwerk losgeiferte? Ich sprach ihn noch einmal direkt an, und zwar auf Deutsch, ich fürchtete, wenn ich ihm wieder mit Englisch kommen würde, würde er sich noch mehr verschließen. „Max, wenn dir etwas nicht gefällt, solltest du einfach sagen, dass es so ist, und das zu begründen versuchen. Du solltest nicht Schimpfwörter verwenden, um etwas pauschal abzuwerten. Schon gar nicht, wenn es sich um Kunst handelt, die von den Nazis als „entartet“ eingestuft wurde, du weißt ja, was das hieß. Deshalb hat sich Sabine auch so aufgeregt.“
Er sah gar nicht zu mir auf. „Die Frau Professor Hellmayr und sie, sie erzählen uns immer diesen ganzen linken Scheiß. Sie wollen uns nur manipulieren. Das ist alles Scheiß, keine Kunst. Die Bilder nicht, und die Scheißliteratur, die sie mit uns lesen auch nicht.“ Es war eigenartig, wie er sich in Wut redete. Er sah immer noch auf seine Tischplatte, und ich sah nur seine Arme, die sich steif und verkrampft bewegten. Den Kopf sieß er bei fast jedem Wort ruckartig nach unten, so, als koste es ihn große Überwindung zu sprechen. Mit dem letzten Wort packte er seine Tasche und ging, ohne jemanden in der Klasse noch einmal anzusehen.
Jetzt war ich so weit, dass mir die Spucke wegblieb. „Was war das jetzt?“ fragte ich verdattert in die Klasse. Thomas, ein sehr reif wirkender, zurückhaltender Schüler aus der ersten Reihe, versuchte mich zu beruhigen. „Der spinnt doch schon lange. Machen Sie sich nichts draus. Wir wissen auch nicht, was er hat.“ Florentina legte ihr Strickzeug zur Seite. „Ich finde ihn nicht mehr harmlos. Seit ein paar Wochen hat er immer wieder solche Anfälle. Und erst seit ein paar Wochen klopft er auch solche Nazisprüche. Keine Ahnung, wo er die her hat, aber sie kommen immer öfter und wirken eingedrillt. Ich finde das nicht harmlos.“
„Glaubt ihr, dass er Kontakt zu echten Neonazis hat, oder hat er sich das nur angelesen?“
„Er hat ja zu niemandem in der Klasse wirklich Kontakt. Wir sehen ihn ja außerhalb der Schule nicht, ich zumindest habe ihn nie außerhalb der Schule gesehen, seit er bei uns ist.“, sagte Sabine.
„Ich habe Angst vor ihm.“ Das war kein Wunder, Clara, unsere verträumte Verschwörungstheoretikerin, hatte vor nahezu allem Angst, angefangen von Spinnen bis zu Tunnels. „Wenn man ihm in die Augen schaut, das ist das nackte Grausen.“ Sie hatte eindeutig zu viele Fantasy- oder Horrorromane gelesen.
Ich machte der Klasse klar, dass man aufgrund von ein paar solchen Sprüchen niemanden als Neonazi abstempeln sollte, dass man aber klar dagegen auftreten und seinen eigenen Standpunkt entgegenhalten sollte. Ich warnte auch davor, Max aus der Klassengemeinschaft zu drängen, denn das würde seine radikal Haltung nur noch verstärken.
„Sie sind gut!“ Sabine fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. „Hinausdrängen! Wie soll man jemanden hinausdrängen, der sich selbst nicht die geringste Mühe gibt, dazuzugehören? Er schaut uns ja immer nur böse an, und wenn er redet, dann versteht man ihn nicht, und zuhören kann er schon gar nicht.“
Die Glocke erlöste mich von einer weiteren tieferen Verstrickung in Probleme der Klasse mit Max, seine Probleme mit mir und meine mit allem zusammen.
Ich versuchte einen positiven Abschluss. „Wir sind alle ein bisschen nervös, wegen der Geschichte mit unserem Direktor. Wir sollten nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, das in so einer angespannten Situation gesprochen wird. Ich bin ja auch ein bisschen durcheinander. Aber immerhin – es ist uns gelungen, eine ganze Schulstunde nicht über Direktor Hölzls Tod zu sprechen.
Unglaublich, wie oft ich mich in den letzten 20 Stunden bemüht hatte, nicht von einem Selbstmord zu sprechen. Ich hatte alle nur denkbaren Umschreibungen vom „Unglück“ über den „Vorfall“ bis gerade eben zur „Geschichte“ abgenutzt, nur, um nicht einfach und ehrlich vom „Tod“ sprechen zu müssen. Wann würde ich beim „tragischen Freitod“ angelangt sein?
Als ich vor dem Konferenzzimmer ankam, trat ich wie üblich mit dem Fuß gegen die Tür. Ich hatte beide Arme voll beladen, und eine Abstellmöglichkeit, außer auf dem Boden, gab es nicht. Die Kollegen, die in der Nähe der Tür ihr Plätze hatte, wussten schon, worum es ging, und Andrea machte mir die Tür auf. „Hast du es schon gelesen?“ Sie war scharf drauf, mir eine Neuigkeit mitteilen zu können. „Was denn?“ „Den Artikel. Über Hölzl.“ Andrea war eine, mit der ich kaum jemals viel geredet hatte. Sie unterrichtete Mathematik und Physik und war jung, groß, ein wenig schwerfällig und, so wie ich, allein stehend. Aber bei ihr hatte ich das Gefühl, sie habe gar kein Interesse an Männern. „Welchen meinst du? Ich hab heute morgen die Salzburger Tageszeitung gelesen.“ „Nein, den mein ich nicht, den im Massenblättchen.“ Sie zeigte auf eine Gruppe eng zusammen stehender Leute, die offenbar alle versuchten, im gleichen Exemplar unseres unsäglichen Kleinformats zu lesen.
„Und was steht drin?“, fragte ich pflichtschuldigst, aber eigentlich hatte ich jetzt große Lust, mich ein wenig hinzusetzen, einen Schluck Wasser zu trinken und nichts zu hören und zu denken. „Na, ein großer Weihwasserartikel, Tränendrüse, großer Schulmann, und so weiter.“ „Also nichts, was nicht zu erwarten gewesen wäre.“ Jetzt hatte ich Andrea enttäuscht, mein mangelndes Interesse an ihrer Story führte dazu, dass sie ihr Gesicht ein wenig verzog und zu ihrem Platz, drei Stühle weiter, zurück kehrte.
Ich ließ mich nieder und sah zu dem Grüppchen hin, das in die Zeitungsstory vertieft war. Brigitte kicherte. „Unersetzlicher Verlust!“ wiederholte sie kopfschüttelnd. Anscheinend war es mit der pietätvollen Rücksichtnahme gegenüber Hölzl schon nicht mehr sehr weit her. Brunmayr, der das Blatt hielt, war in meinen Augen der größte Idiot, mit dem ich im Konferenzzimmer zusammen leben musste. Er war selber Deutschlehrer und bezeichnete den Stil des Blattes als „schwungvoll“ und „schmissig“, mehr hatte er seinen Schülern an Medienanalyse offenbar nicht zu bieten. Er war auch wahrscheinlich der einzige Lehrer unserer Schule, der das Blatt kaufte, mit brachte und offen auf seinem Tisch liegen ließ. Trotz der Jahre, die er in unserem „Lehrkörper“ – ein wirklich schöner Begriff – verbracht hatte, war es ihm noch nicht klar geworden, dass er sich selbst in einer konservativ-intellektuellen Umgebung wie hier mit seiner unverhohlenen Bewunderung des Blattes zum Außenseiter machte. Meine Theorie war, dass er selbst gerne für gutes Geld für dieses Blatt schreiben würde und sauer darüber war, dass er es nicht zum hoch bezahlten Boulevardjournalisten gebracht hatte.
Nach zwei weiteren Stunden war mein Schultag für heute beendet, wenn ich davon absah, dass ich mich um halb drei mit Christian in der Direktion treffen wollte.
Ich vertrieb mir die Zeit zunächst mit der Korrektur von Hausübungen, später wollte ich in der Stadt eine Kleinigkeit essen gehen. Zu meinen revolutionären Theorien gehörte auch, dass ich es nicht mehr für sinnvoll hielt, Hausübungen von Schülerinnen mit Rotstift zuzukleistern, um sie anschließend dazu zu verdammen, fein säuberlich jeden Fehler zu „verbessern“. Völlig unrealistisch – wer hat Motivation, sich mit offensichtlich nicht Gelungenem – siehe Rotstift – weiter zu beschäftigen? Und dann die ständige Frage „Muss ich das verbessern?“ Die hing mir schon lang zum Hals heraus. Ich hatte mir gesagt, dass es im wirklichen Leben so zuging, dass man dem Autor eines misslungenen Textes Vorschläge macht, wie es besser gehen könnte – und ihn darauf aufmerksam macht, wenn der Text außer inhaltlichen und stilistischen Mängeln noch sprachliche oder Schreibfehler enthielt.
So kam ich darauf, meinen Schülern unter ihre Arbeit kurze Texte zu schreiben, in denen ich meine Vorschläge unterbreitete. Natürlich in lila oder grün – das fanden vor allem psychologisch gebildete Muttis so human. Diese Texte sollten als Grundlage für eine Komplettüberarbeitung dienen. War natürlich einfach, wenn ältere Schüler auf dem PC schrieben, jüngere oder Fans der Handschrift mussten halt alles noch einmal schreiben. Aber es hatte Sinn.
Ein kleines Problem dabei war meine eigene Handschrift. Mit der hatten es Schülerinnen nicht immer leicht. Aber so, wie ich mich an ihre Handschrift gewöhnen musste, mussten sie sich eben an meine gewöhnen.
Nach einer halben Stunde merkte ich, dass Brunmayrs Revolverblatt unbeachtet auf seinem Platz lag. Niemand in der Nähe. Das war meine Chance.
Ich schlich hinüber, holte mir die Zeitung und legte sie flach auf meinen Platz, unauffällig eingebettet in Hausübungshefte und Mappen.
Sie hatten ihm Seite vier gegeben, gegenüber dem täglichen Nacktfoto. Wie geschmackvoll. Aber ich musste zugeben, die Dame hatte eine ausgezeichnete Figur. Eine, die mich zum Seufzen brachte.
Das Foto von Hölzl war auch nicht schlecht, es war ein anderes als das in der Salzburger Tageszeitung. Offenbar hatte man es aus einem Maturafoto heraus vergrößert, dennoch war es sehr scharf geworden. Man konnte links von seinem ein unbedecktes Knie erkennen, offenbar eine Rockträgerin (wer? es war ein schönes Knie!), rechts ein Bein in einer Anzughose. Über seinem Kopf die Knopfreihe eines Sakkos.
Unsympathisch wirkte er nicht, wie er so in die Kamera lächelte, genau wie auf dem ersten Foto, das ich von ihm heute gesehen hatte. Beide Fotos hatten auf mich fremd gewirkt. Ich hatte in ihnen nicht die Person sehen können, über die ich mich jahrelang so oft geärgert und empört hatte. Kam das daher, dass der abgebildete Mann tot war? Ein seltsames Gefühl, das ich kaum kannte – jemand, mit dem du beinahe täglich zusammentriffst, ist tot, weg, kommt nicht wieder.
Zwei andere Fotos gab es auch noch: Eines zeigte ein weinendes Mädchen, das sich gerade mit dem Handrücken über das rechte Auge wischte. Ich konnte sie nicht erkennen. Die Bildunterschrift lautete „Schüler in Trauer“. Obwohl doch eindeutig eine Schülerin zu sehen war. Ich ging einmal davon aus, dass man hier ein beliebiges Archivfoto hergenommen hatte, niemand würde beweisen können oder wollen, dass es sich nicht um eine Schülerin unseres Gymnasiums handelte. Das zweite Foto zeigte Irene. Sie war offensichtlich gerade aus der Schule gekommen, im Hintergrund konnte man den Eingang der Schule sehen, die Tür, durch die sie gekommen war, war noch einen Spalt offen. Die Hand hielt sie dem Fotografen entgegengestreckt, als ob sie ihn abwehren wollte, und so verdeckte sie den Großteil ihres Gesichts, das im Vergleich zur Handfläche klein erschien. Ich erkannte sie an ihrem Mantel und den Stiefeln, ein bisschen was konnte man auch noch von ihrer blonden Haarpracht sehen. Wahrscheinlich hatte der Fotograf gewartet, bis ihm attraktives „Frischfleisch“ vor die Linse gelaufen war. Viel Glück hatte er dennoch nicht gehabt. Bildunterschrift: „Eine verzweifelte Lehrerin konnte nicht mit uns sprechen.“
Der Titel war schon gelungen „Populärer Pädagoge – Tragischer Freitod!“, natürlich nicht ohne das unvermeidliche Rufzeichen. Die Anreißerzeile war auch nicht von schlechten Eltern: „Letzter Blick auf die geliebte Mozartstadt – dann der Sprung!“
Da musste wirklich ein Meister seines Faches am Werk gewesen sein. Brunmayr war sicherlich vor Neid erblasst, als er die Story gelesen hatte.
„Zwei erwachsene Söhne und seine attraktive Witwe trauern um Hofrat Mag. Viktor Hölzl, Direktor des Bundesgymnasiums Nonntal. Wie erst jetzt bekannt wird, hatte sich der beliebte Bildungsexperte Samstag Abend in selbstmörderischer Absicht vom Mönchsberg gestürzt – direkt in die Arme seiner geliebten Heimatstadt.“ Jetzt war das Bild schon gewaltig verrutscht. So stilsicher war der Kollege der schreibenden Zunft anscheinend doch nicht. „Vier lange Tage blieb sein Tod allen verborgen, die um seinen Verbleib rätselten – von der Familie, über die Schüler und die Lehrer seiner Schule ließ er alle in tiefer Sorge – aber sie sollten ihn nicht mehr lebend zu sehen bekommen.“ Ich für meinen Teil konnte gerne auch auf den Anblick der Leiche verzichten. Übrigens stand da tatsächlich „Lehrer“ – hatte der Schreiber gewusst, dass die Sorge bei den weiblichen Mitgliedern des Lehrkörpers etwas weniger ausgeprägt war?
In ähnlicher Tonart ging es weiter: Das ganze war ein Rührstück übelster Sorte, das von falschem Mitleid nur so triefte. Spekulationen über die Ursache des Selbstmords wurden nicht einmal am Rande angerissen.
Eine solch sentimentale Story hatte ich mir nicht erwartet, manchmal war auch das Massenblatt in Selbstmordfällen erstaunlich nüchtern, diesmal nicht. Was wohl dahinter steckte? Wollte sich jemand mit feiner Klinge über Hölzl lustig machen, musste man den Text als Realsatire ansehen? Ich war verwirrt, schmiss das Blatt zurück auf Brunmayrs Platz und stand auf, um mir meinen Mantel zu holen.
Als ich draußen war, konnte ich wieder klarer denken, die kalte Winterluft tat mir gut. Vor der Schule schossen ein paar Schüler mit Schneebällen aufeinander. „Wehe, wenn ihr mich trefft!“ Einer zielte im Spaß auf mich, aber er traute sich doch nicht zu werfen. Ein anderer zerrte gerade einen massiven Eisbrocken von einem Haufen, den ein Schneepflug zusammen geschoben hatte, und rannte damit einigen anderen hinterher, den Brocken hoch erhoben. „He, spinnst du?“ schrie ich ihm nach. Umsonst. Schon hatte der Brocken einen kleineren Schüler am Rücken getroffen. Der heulte vor Schmerz auf und wollte sich auf den Angreifer stürzen, der in meine Richtung flüchtete. „Und was sollte das jetzt?“ zischte ich ihn wütend an. Er grinste. „War nur Spaß.“ Alles war nur Spaß. Auch wenn einer beim Fußballspielen gegen die Wand gedrückt wurde, dass der Schulwart danach eine Blutlache aufwischen musste. Auch wenn …. Ach was. „Lass dich ja nie mehr bei so etwas erwischen!“ fauchte ich ihn an. „Ein Eisbrocken ist kein Spaß! Ein Schneeball, aus fairer Distanz geworfen, ist ein Spaß! Ein Eisbrocken auf den Rücken geknallt ist Körperverletzung!“ Er senkte schuldbewusst den Kopf. Den Zerknirschten zu spielen hatte er offensichtlich schon gelernt. Das Opfer saß auf dem Boden und jammerte. „Wo tut’s weh?“ „Geht schon,“, stöhnte er, stand auf und trollte sich.
Ob mein Eingreifen einen Sinn gehabt hatte, das fragte ich mich oft. Aber wenn den Kindern niemand sagte, dass sie immer wieder andere verletzten, ob mit Worten oder körperlicher Gewalt, würden sie es nie begreifen. Deswegen hörte ich nicht auf, mich einzumischen. Ich könnte nicht an Kindern vorbeigehen, die aufeinander einprügeln, ohne zu reagieren.
Es gab Kollegen, die konnten das.
Selbst Christian konnte wegschauen. Er hatte mir einmal erzählt, dass er als junger Lehrer einen Schüler von seinem Opfer weggerissen hatte, das er durch eine wilde Attacke von hinten zu Fall gebracht hatte. Dann hatte der Angreifer dem Liegenden mit den Füßen in die Seite getreten. Christian hatte den Angreifer am Kragen gepackt, vor die Eingangstür geschleppt und wutentbrannt zur Rede gestellt. Es sei nur Spaß gewesen, hatte der geantwortet. Anderntags hatte es eine Beschwerde beim Direktor gegeben: Der Vater war Anwalt und gehörte dem Salzburger Großbürgertum an. In einer Krisensitzung musste Christian vor dem Direktor, den Eltern und dem Täter Rechenschaft ablegen: Selbstverständlich könne ihr Sohn so eine Tat nicht begangen haben. Auch das Opfer habe, befragt, zugegeben, es sei nur Spaß gewesen. Die Opfer gaben das immer zu – meist aus Angst, ihre Peiniger noch mehr zu provozieren, wenn sie Hilfe suchten. Christian hatte auf seiner Sicht des Vorfalls bestanden – er habe als einziger gesehen, was tatsächlich passiert sei, so sein Standpunkt, alle anderen wüssten nur aus zweiter Hand darüber oder verträten eigene Interessen.
Der Direktor habe Penninger Gott sei Dank den Rücken gestärkt – und Christian hatte sich den Eltern gegenüber aus der Affäre gezogen, indem er sagte, er hätte aus dem Vorfall gelernt. Er hatte ihnen allerdings nicht gesagt, was. Als der gleiche Schüler wenige Wochen später am Schulbuffet einen Mitschüler von hinten attackierte und niederriss, sah Penninger weg.
Ich ging in die Innenstadt. Ich war immer noch verliebt in diese Stadt, mochten andere auch noch so viel über sie schimpfen. Es gab nur wenige, denen gegenüber ich zugeben durfte, dass ich den Salzburger Christkindlmarkt auf dem Domplatz liebte. Das galt in intellektuellen Kreisen als höchst unschick. Man ging allerhöchstens nach Hellbrunn oder St. Leonhard, um dort Charity-Punsch von aufgezäumten Society-Ladies serviert zu bekommen. Oder man ging auf den Christkindlmarkt, um sich über die fast nur noch italienisch sprechenden Standlerinnen und den „grauenhaften Kitsch“ zu amüsieren.
Vielleicht hatte es etwas mit meiner Herkunft als Landei zu tun. Als ich als junge Studentin in diese Stadt gekommen war und zum ersten Mal über den verschneiten Christkindlmarkt ging, war das ein überwältigendes Erlebnis: Die vielen Lichter, die beeindruckenden Fassaden von Dom und Domplatz im Licht zahlreicher Scheinwerfer, die Glöckchen, die Gerüche. Ich war eine hoffnungslose Weihnachtsromantikerin und verfiel regelmäßig in Melancholie, wenn ich nach Weihnachten über den Platz musste und die Marktfahrer ihre Stände zerlegten.
Mir selbst gegenüber hatte ich kein schlechtes Gewissen: Ich musste all das zur Aufhellung meiner Stimmung hernehmen, was ohne Nebenwirkungen und ohne Rezept zu haben war – auch wenn andere es noch so kitschig fanden.
Also begab ich mich auch in dieser Mittagsstunde auf eine Runde zwischen den Ständen, wo heute, an einem Donnerstag kurz nach Adventbeginn, noch nicht schrecklich viel los war. Warum sollte ich mir keinen Punsch kaufen? Kalt war mir ohnehin. Als ich meinen Becher in der Hand hatte, sprach mich einer an: „So allein, Frau Professor? Schrecklich, nicht wahr, diese Geschichte mit ihrem Herrn Direktor. Furchtbar. Furchtbar.“ Oh nein. Der grauenhafte Dr. Wissenig. Der mir immer, wenn er in eine Sprechstunde kam, so unverhohlen auf den Busen starrte, dass man meinte, es würde ihm gleich der Geifer aus dem Maul tropfen. Der Dr. Wissenig, dessen vertrottelter Sohn bei seinem Referat über New York, das er als Spezialgebiet für seine Matura gewählt hatte, nicht einmal die gängigsten touristischen Attraktionen des „Big Apple“ hatte aufzählen können. Nicht zuletzt der Dr. Wissenig, dessen Nachbarin – eine Kollegin – behauptete, bei ihm zu Hause müssten nicht nur Frau und Kinder parieren, sondern auch die Gartenzwerge und jeder einzelne Grashalm im Garten hätten stramm zu stehen. Ich war brutal. „Furchtbar, Herr Doktor. Ganz furchtbar. Ich muss mit mir allein sein.“ Ich drehte mich um, starrte in den Christbaumwald, der die eingehüllte Mariensäule umgab und schüttelte mich, als ob ich von Tränenströmen geradezu zerfetzt würde. Schließlich hatte ich ein paar Schauspielkurse besucht. Eine todsichere Methode – was Typen wie dieser Dr. Wissenig auf den Tod nicht ausstehen konnten, waren weinende Frauen. Nach etwa 15 Sekunden beendete ich mein Schütteln und drehte mich um. Er war weg und mir war wohler. Noch wohler war mir, als ich den Punsch ausgetrunken hatte und seine um diese Tageszeit deutlich spürbare leicht hirnvernebelnde Wirkung einsetzte.
Jetzt brauchte ich noch einen Lebkuchen. Für einen echten Weihnachts-Junkie ist Punsch alleine noch nicht genug. Es gab einen Stand mit Ausseer Lebkuchen, und ich beschenkte mich selbst mit einem kleinen Herz mit der Aufschrift „Dir zuliebe“. Es klebte zwischen den Zähnen, aber es schmeckte.
Auf dem Weg zurück zur Schule kaufte ich in einem kleinen Feinkostladen noch reumütig eine Banane und ein kleines Mineralwasser mit Granatapfelgeschmack, ohne Kohlensäure und garantiert ohne Kalorien.
Als ich zurück kam, war die Tür zum Sekretariat versperrt. Ich klopfte an der Tür des Direktionszimmers. „Herein!“ rief Christian. „Es ist offen!“ Das war eine seiner ersten Reformen. Früher war die Direktion immer verschlossen gewesen. Man hatte sich über das Sekretariat anmelden müssen. Zuerst fragte man verschämt „Ist der Chef da?“, dann musste die Sekretärin Nachschau halten, ob man den Herrn Hofrat etwa bei einem wichtigen Telefongespräch nicht stören durfte oder sonst irgendein Grund vorlag, dass niemand vorgelassen wurde. Dann wurde die Tür leise wieder geschlossen, und die Sekretärin flüsterte, mit einer Handbewegung zur Tür: „Bitte!“
Christian hatte sich eine offene Direktion vorgenommen. Er saß über einen Stapel zusammengehefteter Akten gebeugt und blickte aus müden Augen zu mir auf. Klar – es kostete Zeit und Mühe, bis man sich einigermaßen eingearbeitet hatte.
Dennoch grinste er mich an. „Tu, was du nicht lassen kannst. Ich brauch den Computer jetzt gerade nicht.“
Ein wenig plagte mich schlechtes Gewissen. Was konnte es für mich für Folgen haben, wenn ich auf der Festplatte des toten Chefs herum stöberte? Keine, eigentlich, musste ich mir selbst eingestehen. Christian hatte offiziell Zugang zu dem Gerät, es war ein Dienst-Computer, und niemand konnte nachweisen, dass er ihn jemand anderen benutzen hatte lassen. Was sollte sich die Polizei damit aufhalten?
Ich öffnete den Windows-Explorer und begann, mir einen Überblick über die Festplatte zu verschaffen.
Es gab zahlreiche Ordner mit word-Dateien, in vielen davon war offensichtlich Korrespondenz aus dem Sekretariat gespeichert. Es gab Ordner mit Texten aus Schulfoldern, Ordner mit pdf-Dokumenten aus dem Landesschulrat, zahlreiche andere, die ich nicht so schnell überblicken würde können.
Ich versuchte eine andere Methode und suchte nach Word-Dateien, die in der letzten Woche gespeichert worden waren. Nichts Aufregendes war zu finden.
Auch Hölzls Sammlung digitaler Bilder war denkbar harmlos – er hatte zahlreiche Fotos von Schulveranstaltungen gespeichert, eine Sammlung von Lehrer- und Lehrerinnenfotos, alle durchwegs öffentlicher Natur, private Fotos gab es keine.
Dann kam ich auf die Idee, im virtuellen Papierkorb der Festplatte zu suchen, und da wurde ich zu meiner eigenen Überraschung doch noch fündig. Da gab es eine Reihe von gelöschten Ordnern, und als ich einige davon genauer unter die Lupe nahm, stellte sich heraus, dass mehrere Ordner am 27. November gelöscht worden waren. Das war überraschend. Am 27. war Hölzl schon verschwunden gewesen. Ich fragte Christian: „Warst du am 27. schon an diesem Computer? Am Montag?“ „Natürlich nicht. Seit Samstag ist der Chef weg. Das war der 25. Ich habe gestern erstmals hier eingeschaltet. Am 29. November. Wieso?
„Jemand hat am 27. November Ordner gelöscht. Leider hat er vergessen, auch den Papierkorb zu leeren. Entweder hat die Person keine Ahnung von Computern, oder sie war in Stress, oder sie hatte es sehr eilig.“
Christian rollte zu mir herüber. Es war ein wenig zu eng für meinen Sessel und den Rollstuhl, so musste er halb hinter mir Aufstellung nehmen und sich vorbeugen. „Was sind das für Ordner?“
„Einer heißt ‚Evidence’!“ Ich klickte auf „Wiederherstellen“ und öffnete den Ordner, er enthielt mehrere Bilddateien im Format .jpg. Ich öffnete die erste, und wir machten beide große Augen, als wir sahen, was das Bild zeigte. „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“, flüsterte Christian. An sich war das Bild ja nicht sensationell, es zeigte einen Mann und eine Frau, die gerade im Begriff waren, ein Gebäude zu betreten. Der Mann schritt voraus, eine elektrische Schiebetür vor ihm war bereits teilweise geöffnet. An seinem linken Arm eingehängt war eine Frau in einem dunkelgrünen Kostüm. Man konnte die beiden zwar nur im Profil sehen, dennoch waren beide deutlich zu erkennen. Der Fotograf musste sich irgendwo seitlich des Eingangs in den Büschen versteckt haben. Man konnte einige verwaschene grüne Flecken im Vordergrund erkennen, wahrscheinlich Blätter. Der Mann war Schröttner. Die Frau war Hildegard Hölzl, die Ehefrau unseres ehemaligen Chefs.
Wir waren sprachlos, und ohne die Bilder zu kommentieren, klickten wir sie durch. Man konnte auf einigen weiteren Fotos sehen, wie sie das Hotel betraten, sogar, wie sie an der Rezeption eincheckten. Schröttner hatte seinen Aktenkoffer dabei, Frau Hölzl einen kleinen Trolley.
Das vorletzte Bild war kein Foto, sondern ein Scan einer Hotelrechnung. Die sagte aus, dass ein Herr Alexander Schröttner für die Nacht vom 13. auf den 14. Oktober ein Doppelzimmer im Novotel München Süd, Neu-Perlaching, bezahlt hatte. Das letzte Bild war das Scan eines Meldezettels mit den gleichen Daten, auf denen sich A. Schröttner mit seiner Ehefrau Burgi eingetragen hatte. Schröttners Frau hieß tatsächlich Burgi, nur war es nicht die, die auf den Fotos zu sehen war. Das war eindeutig Hildegard Hölzl. Wir sahen uns noch die Daten der Fotos an: Sie waren am 13. Oktober aufgenommen worden.
Wir schauten auf einem Kalender nach. Der 13. Oktober war ein Freitag gewesen. Die beiden hatten also die Nacht vom 13. auf 14.Oktober gemeinsam in München verbracht. Wo man relativ sicher sein konnte, niemandem Bekannten zu begegnen. Wenn man sich im Hotel aufhielt. Woher hatte Hölzl diese Beweise? Hatte er einen Detektiv engagiert oder die Fotos selbst gemacht?
„Die Fotos könnte er schon selbst gemacht haben. Aber die Belege? Glaub ich nicht.“ Christian hatte auch Feuer gefangen: Hatten wir jetzt den Schlüssel zu Hölzls Selbstmord in der Hand? War er der Typ, der sich umbrachte, weil seine Frau fremdging? Wohl kaum.
„Schauen wir einmal in seinem Terminkalender nach!“ schlug Christian vor. Wir öffneten den Outlook Kalender – jeder wusste, dass Hölzl für Termine diesen Kalender verwendete, weil er häufig geöffnet auf dem Bildschirm zu sehen war, wenn man ihn sprechen musste.
Auch hier gab es einen Treffer am 13. Oktober: „H. Mat.treffen München“ lautete eine Eintrag. Sie hatte ihm also vorgespiegelt, sie sei zu einem Maturatreffen nach München gefahren. Ganz schön clever – welcher Mann würde schon auf die Idee kommen, seine Frau zu einem Maturatreffen begleiten zu wollen?
Wir hatten den Beweis für das Gerücht. Hölzls Frau hatte tatsächlich eine Affäre mit Schröttner gehabt. Hölzl hatte einen Verdacht gehabt und ihn sich kürzlich unter Mithilfe eines Detektivs bestätigen lassen. Irgendjemand war am Montag in die Schule gekommen und hatte den Ordner mit den Beweisen gelöscht, allerdings nur sehr laienhaft.
„Wer kommt in Frage – für das Löschen, meine ich?“ Christian war ratlos. „Offiziell hat niemand das Passwort gekannt. Inoffiziell könnten viele Zugang zum Computer gehabt haben – Schröttner, die Sekretärinnen, der Schulwart, die Putzfrauen …“. „Und Frau Hölzl.“, fügte ich hinzu. „Sie hat möglicherweise einen Schlüssel gehabt. Wer sagt, dass Hölzl nicht zu Hause einen Ersatzschlüssel aufbewahrt hat? Wer sagt, dass sie nicht gewusst hat, dass er Beweise auf seinem Dienst-PC gespeichert hat. Vielleicht hat er es ihr sogar gesagt, um sie unter Druck zu setzen.“ „Vielleicht die Käferböck. Ihr pathetisches Geflenne könnte einen Grund haben: Sie war in Hölzl verliebt, vielleicht hatte sie sogar etwas mit ihm. Verliebte Frauen spionieren den Objekten ihrer Liebe gerne nach.“ Ich schaute spöttisch nach hinten zum ihm. „So, so. Hast du da einschlägige Erfahrungen?“ Er musste auch lächeln. „Nein, ganz im Ernst. Sie könnte das gelöscht haben, um ihn auf irgendeine Weise zu schützen, was weiß ich.“
„Oder Schröttner.“, gab ich zu bedenken. „Er könnte schließlich das Passwort auch irgendwie herausbekommen haben. Und er hätte Grund genug gehabt, diese Beweise zu vernichten.“ „Er hätte es professioneller getan.“ gab Christian zurück. „Wenn er gestört worden ist?“ Ich wünschte mir, Schröttner hätte es getan, deswegen war ich so beharrlich.
„Wir können das jetzt nicht lösen. Außerdem bin ich müde. Ich muss noch weiter arbeiten.“ Zuvor war noch eine Entscheidung fällig:Sollten wir die Beweise endgültig löschen? „Lieber nicht,“, meinte Christian. „Wenn sich tatsächlich jemand für diesen Computer genauer interessieren sollte, können sie auch herausfinden, dass diese Dateien heute endgültig gelöscht worden sind. Wir können ja nicht die Festplatte formatieren.“ Da war ich seiner Meinung. Wir sollten die Finger von jeder weiteren Manipulation lassen.
„Aber was ist mit Frau Hölzl? Sollte sie nicht wissen, was auf diesem Gerät gespeichert war? Natürlich, es könnte sein, dass sie es schon weiß, aber wenn nicht? Sollte man sie im Unklaren darüber lassen, was da möglicherweise auf sie zukommt?“
Christian hatte keine Lust mehr, sich weiter mit der Sache zu beschäftigen. „Ich sag dir was: Warten wir bis nach der Beerdigung. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich niemand für diesen Computer interessieren. Nach der Beerdigung löschen wir die Fotos, und dann entscheiden wir uns, ob wir seine Frau darüber informieren oder nicht.“
Das hielt ich für keine gute Idee. Denn wenn wir Frau Hölzl irgendwann informieren wollten, dann sollten wir ihr auch die Beweise übergeben können – löschen und dann informieren war Blödsinn. „Ich finde, sie hat ein Recht darauf, das zu erfahren, so bald wie möglich. Und dass hier jemand herumgefummelt hat, wird bei einer Untersuchung sowieso klar – wir haben schließlich wiederhergestellt und wieder gelöscht. Das lässt sich nicht verbergen.“
Christian seufzte. „Wie willst du ihr erklären, dass du an die Daten gekommen bist?“ „Ich habe dir geholfen, weil so viel Arbeit zu erledigen ist. Wir sind völlig unabsichtlich über die Daten gestolpert. Weil wir nicht wissen, wer sie gespeichert und wer sie gelöscht hat, wollen wir ihr reinen Wein einschenken – ist doch eine völlig glaubwürdige Geschichte!“
„Wenn du unbedingt meinst, ruf sie an oder geh zu ihr. Ich mach das sicher nicht.“
Er rollte zurück, und ich stand auf. Ich war am Rücken ganz verschwitzt, und das Kreuz tat mir weh. Ein Zeichen, dass ich mich lange kaum bewegt und ganz auf eine Sache konzentriert hatte.
Ich spürte meinen Durst und ging zum Kühlschrank, um nach Mineralwasser zu suchen. Natürlich war das nicht der einzige Grund, denn neugierige Frauen interessieren sich sogar dafür, was Tote in ihrem privaten Kühlschrank aufbewahren. In der Tür stand eine verschlossene Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure. Ich öffnete sie und nahm einen tiefen Zug, unterdrückte den folgenden Rülpser nicht ganz so damenhaft, wie das angebracht gewesen wäre, und schaute mich im Kühlschrank um.
Neben einigen Einwickelpapieren aus Supermärkten lagen da ein paar Flaschen Weißwein. Nicht die schlechtesten. Ein Junker von Polz, ein Welschriesling von Sabathi – war man kürzlich an einem langen Wochenende etwa in die Südsteiermark gereist? Eine angebrochene Flasche Sauvignon Blanc von Tement stand in der Tür. Sauvignon von Tement! Ich zog den Korken heraus, der nur ein kleines Stück hineingedrückt worden war und roch an der Flasche. Sie konnte erst kürzlich geöffnet worden sein, der Wein roch frisch und in keiner Weise oxydativ. „Gibt es hier irgendwo Weingläser?“ fragte ich in keine bestimmte Richtung. „Spinnst du?“ Christian war nicht begeistert davon, dass ich vom Wein des Toten trinken wollte. „Kommissarin Emilie Scherz ermittelt!“, scherzte ich und öffnete ein paar Schranktüren. Lange musste ich nicht nach Gläsern suchen: Zwei saubere Riedel-Gläser standen einträchtig nebeneinander in einem ansonsten leeren Schrankabteil. Ich stellte beide auf den Besprechungstisch und schenkte ein. Christian schüttelte den Kopf und musste dabei schmunzeln. „So viel Unverfrorenheit ist schon wieder kühn!“, meinte er. Ich roch am Weinglas. Das Bouquet des Weins war himmlisch, ich leistete mir eine so teure Flasche nur selten. Ich kostete. Die Vielfalt der Aromen explodierte förmlich am Gaumen.
Als ich hinuntergeschluckt und mit geschlossenen Augen dem Abgang nachgefühlt hatte, begann ich zu überlegen. Ob diese Flasche schon seit Samstag offen sein konnte? Ob der Wein so lange überlebt hatte? Ich glaubte es nicht und sagte das Christian. „Na, glaubst du vielleicht, ich …“. Ich wusste, dass er kein großer Weintrinker war. Ich trank in mehreren kleinen Schlucken aus, weil ich einerseits einem solchen Wein keine Gewalt antun konnte, mich aber trotzdem nicht mehr länger hier aufhalten wollte. Die Flasche verkorkte ich wieder und stellte sie in den Kühlschrank. „Der ist morgen auch noch gut!“. Beschwingst strich ich Christian mit der Hand über seine kurzen Haare, blies ihm ein Küsschen zu und verschwand. Gleich draußen fragte ich mich, ob diese Gesten nicht vielleicht doch ein wenig zu intim gewesen waren.
Obwohl es schon halb vier war und ich noch viel zu tun hatte, musste ich unbedingt noch zu Hölzls Frau. Ich wusste selber nicht, warum ich mich so in die Angelegenheit verbissen hatte, ich war mir nicht einmal sicher, ob es nicht nur ein Vorwand gewesen war, dass ich behauptet hatte, sie habe ein Recht darauf, zu wissen, was andere schon wussten und worüber sie Beweise gesammelt hatten.
Wo Hölzls wohnten, wusste ich. Es war ein Einfamilienhaus in einem Außenbezirk, in einer Gegend, wo hinter den Häuserzeilen gleich Äcker und Wiesen begannen. Eine schöne Gegend zum Wohnen. Das Haus war ein ganz schlichtes Haus aus den sechziger Jahren, die Hölzls hatten es wohl von seiner oder ihrer Mutter geerbt, daran konnte ich mich nicht mehr so genau erinnern. Ein Wunder, dass es nicht längst völlig zugebaut worden war.
Als ich mein Auto vor dem Haus anhielt, war die Sonne gerade dabei, hinter dem Untersberg unter zu gehen. Sie blendete mich, als ich zur Haustür ging.
Zwei Autos standen in der Einfahrt, es war wohl Besuch da. Vielleicht ein Problem. Ich klingelte, und eine Frau öffnete, es war nicht Hildegard Hölzl, aber da war eindeutig eine Ähnlichkeit. Ich fiel mit der Tür ins Haus. „Sind sie die Schwester von Frau Hölzl? Ich bin Emilie Scherz, eine Lehrerin aus der Schule ihres … ihres.“ Ich rang um einen passenden Ausdruck. … „von Direktor Hölzl!“, stieß ich schließlich hervor. „Kann ich mit ihr sprechen? Es wäre dringend.“ Die Frau lächelte: „Mir war gar nicht bewusst, dass wir einander so ähnlich sehen. Bitte kommen Sie herein.“ Sie rief nach ihrer Schwester, und nach wenigen Sekunden kam Hildegard Hölzl aus einer Tür in das nur schwach erleuchtete Vorzimmer. Sie schaltete gleich Licht ein. „Hallo.“, begrüßte sie mich, in fragendem Tonfall und mit unsicherem Gesichtsausdruck. Ihr musste klar sein, dass es sich bei mir um keinen gewöhnlichen Kondolenzbesuch handelte, dazu kannten wir uns zu wenig gut. Ich frage mich, ob sie mich überhaupt erkannte. „Ich erinnere mich an Sie. Vom letzten Maturaball.“ Sie lächelte. Gutes Gedächtnis. Allerdings, wenn man bedachte, dass ich aufgrund eines kleinen Missgeschicks auf diesem Ball kurz im Rampenlicht gestanden hatte … Der liebe Kollege Klingseis hatte mich zum Tanzen auffordern müssen, und er war mit einem Knopf seines Sakkos am Ende des Tanzes irgendwo an meinem Kleid hängen geblieben – was musste sich der Kerl auch so an mich randrücken – sodass er, als wir uns trennten, den Oberteil meines Kleides aufriss und ich in meiner ganzen Pracht kurz im BH die Tanzfläche geziert hatte. Als ich mit vor der Brust verschränkten Armen zum Tisch zurückging, um mir mein Jäckchen überzuwerfen, hatte sie mich wohl auch gesehen. Vielleicht lächelte sie deswegen. „Ich störe Sie nur ungern, aber ich möchte Ihnen ganz dringend etwas Wichtiges erzählen. Unter vier Augen.“ Ich wandte meine Blicke entschuldigend ihrer Schwester zu, die aber ohnehin schon wieder auf dem Weg durch die Tür war, durch die Frau Hölzl eben gekommen war. „Ich weiß, dass es gerade sehr ungünstig ist.“, fügte ich bedauernd hinzu.
„Ach nein,“, sie wirkte locker, fast befreit. „Es ist nur meine Schwester da, um mir bei dem ganzen Kram ein wenig zu helfen. Und meine Söhne, aber die brauchen mich sicher nicht. Hölzl hatte zwei Söhne, einer studierte, der andere machte gerade Zivildienst. Der Student war, wie ich glaubte, schon im vierzehnten Semester Jus. Über den Zivildienst seines Jüngeren hatte Hölzl im vorigen Jahr mehrmals erzählt. Ziemlich abfällig hatte er sich dabei mehrmals gewundert, wie ein Mann auf die Idee käme, freiwillig Klos zu putzen.
Sie wies mit dem Arm auf eine andere Tür. „Bitte.“ Hildegard Hölzl war eine zierliche, sehr hübsche Frau. Sie sah wesentlich jünger aus, sie musste um die 50 oder darüber sein. Ihre schulterlangen, blond gefärbten Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, sie trug einen lachsfarbenen, ganz weichen und flauschigen Pullover und Jeans. Eine ziemlich kleine Größe, als sie mir voraus ging, beneidete ich sie um ihren schmalen Hintern. Leise und gewandt, fast im Stil eines Models auf dem Laufsteg, ging sie mir voran. An den Füßen hatte sie nur durchsichtige Strümpfe, sonst war sie barfuß. Ihre Zehennägel waren, obwohl es Winter war, knallrot lackiert.
Sie öffnete die Tür eines Zimmers, das eine Mischung aus Arbeitszimmer, Gästezimmer und Bibliothek zu sein schien. Zahlreiche Bücherregale, ein nicht sehr großer Schreibtisch mit Notebook und Drucker. Ein hübsch bezogenes Doppelbett mit Tagesdecke. Alles sehr ladylike, alles sehr aufgeräumt. Wieder ein Grund, sie zu beneiden. Sie deutete meine fragenden Blicke richtig: „Es war das Arbeitszimmer meines Mannes. Als er Direktor wurde, hat er nicht mehr wirklich gebraucht, ich habe es dann für meine Zwecke umgestaltet.“ Und offenbar auch hier geschlafen, wahrscheinlich alleine, dachte ich mir im Stillen.
„Womit kann ich Ihnen denn dienen?“
Sie setzte sich aufs Bett, zog ihre Beine hoch und schlug sie übereinander. Sehr gelenkig auch noch. Sie deutete auf den Stuhl am Schreibtisch, ein moderner Gesundheitsstuhl. Ich setzte mich vorsichtig, denn dieser Art von Möbel misstraute ich. Meist vollführten sie irgendwelche abrupten Bewegungen, sobald man sein Gewicht auch nur ein wenig verlagerte. Dieser hier wusste sich zu benehmen.
„Frau Hölzl, ich will nicht lange um den Brei herumreden. Ich habe heute am Computer Ihres Mannes in der Schule etwas entdeckt, von dem ich meine, dass Sie es unbedingt wissen sollten.“
Ihre Miene verfiel etwas. Woher sollte sie auch wissen, dass sie mir trauen konnte?
Ich erzählte ihr, dass ich dem Vertreter ihres Mannes, Christian Penninger, bei der Arbeit etwas zur Hand gegangen war und dabei Fotos und Dokumente gefunden hätte, die ein Verhältnis zwischen ihr und Alexander Schröttner zu beweisen schienen.
In ihr Gesicht schlich sich ein Anflug von Angst und Zorn, und ich redete schnell weiter, um ihr Vertrauen zu gewinnen, bevor sie mich hinauswarf.
Ich erklärte, dass ich deshalb gekommen wäre, weil wir festgestellt hatten, dass jemand am Montag unberechtigt Zugang zum PC gehabt hatte und die Dateien, wenn auch erfolglos, zu löschen versucht hatte. Ich sei gekommen, um sie zu warnen. Es gäbe jemanden, der diese Beweise kenne, sie aber vernichten hatte wollen. Ich erklärte ihr, dass sie mir deswegen Vertrauen schenken sollte, weil ich nach der Entdeckung dieses hochprivaten Materials sofort zu ihr gekommen sei, und beendete abrupt meinen Redeschwall, als mir nichts mehr einfiel. Ich war während meiner Erklärungen immer näher an sie heran gerückt und merkte jetzt erst, dass ich meine Hand beruhigend auf ihren Oberschenkel gelegt hatte. Sie schwieg und starrte zwischen ihren Beinen auf die Bettdecke, genau auf eine dunkelrote Laura-Ashley-Rose. Ein dunkler Fleck erschien auf der Rose. Sie weinte lautlos.
„Es tut mir Leid, ich wusste nicht, vielleicht hätte ich …“, stotterte ich hilflos und wollte mich zurückziehen, da ergriff sie meine Hand.
„Mir tut es Leid.“ Sie hob ihr Gesicht, um mich anzusehen, es war tränenverschmiert. „Machen Sie sich keine Gedanken. Sie können nichts dafür. Ich wusste zuerst nicht, ob ich Ihnen glauben sollte. Ich fragte mich, was sie von mir wollten. Aber ich vertraue Ihnen.“ Ein Lächeln quälte sich durch die Tränen. „Ich vertraue Ihnen deshalb, weil mein Mann oft über Sie geschimpft hat. Dass sie stur wären und mit dem Kopf durch die Wand wollten. Dass Sie nicht wüssten, was für Sie gut sei, und wie man es zu etwas bringe. Er hat Ihnen sogar gelegentlich unterstellt, dass Sie andere gegen ihn aufhetzten. Damals habe ich mir schon gedacht, das muss eine tolle Frau sein, wenn sie meinem Mann so auf die Nerven geht.“
Ich war perplex. Sollte ich das jetzt als Kompliment nehmen? War es Ausdruck des Misstrauens, das sie ihrem Mann entgegenbrachte? „Freut mich, dass Sie genau das Gegenteil von dem denken, was Ihr Mann gedacht hat – oh, Entschuldigung, es war nur …“, schon hatte ich mich verplappert. „Es macht nichts.“ Sie hatte sich wieder gefangen. „Es braucht kein Geheimnis zu sein, dass ich Probleme mit Viktor hatte. Vor allem nicht, da du ja schon alles weißt.“
Mir war nicht klar, ob es ihr bewusst war, dass sie zum „du“ übergegangen war, deshalb fragte ich nach: „Ist es OK, wenn ich auch ,du’…?“ Sie nickte.
„Schröttner war nicht mein Traumtyp. Aber du musst dir vorstellen, da gibt es plötzlich jemanden, der aufmerksam ist. Dem es auffällt, dass du noch schön bist. Der dir Zärtlichkeit schenkt, die du dir jahrelang nur erträumen hast können.“ Ich war baff. So hatte ich mir Schröttner wirklich nicht vorstellen können, aber man sollte ja nie vorschnell urteilen. Mir war er immer nur als verknöcherter Bürokrat erschienen.
Meine Neugier gewann schon wieder die Oberhand: „Hast du eine Vorstellung, wer die Dateien gelöscht haben könnte, und, vor allem, hast du von diesen Fotos gewusst?“
„Viktor hat mir damit gedroht. Er hat ständig gesagt, dass ich mir nicht erhoffen dürfte, auch nur 100 Euro mitnehmen zu können, wenn ich ihn verließe. Er wollte mich damit unter Kontrolle halten, erpressbar machen. Dabei hat er mich ohnehin nur gebraucht, um den schönen Schein für seine Parteifreunde aufrecht zu erhalten. Diese Kotzbrocken. Sie schaute kurz zu mir auf, wandte ihren Blick wieder der Bettdecke zu und sagte. „Dabei habe ich jahrelang schon hier geschlafen. Da lief nichts mehr. Bei ihm schon – ich glaube, er hat schon lange andere Frauen gehabt.“
Ich wollte jetzt gehen, ich hatte noch so viel zu tun. „Wie gesagt, es tut mir wirklich Leid. Aber zumindest weißt du nun, dass es jemanden gibt, der über deine Beziehung zu Schröttner weiß, aber nicht ehrlich zu dir ist.“
„Könnte es nicht Alexander selbst gewesen sein?“ fragte sie. „Schon,“ meinte ich, „aber hätte er es dir dann nicht gesagt?“ Sie wollte darüber noch nachdenken. Wir waren uns in den letzten Minuten so nahe gekommen, dass ich sie einfach umarmen musste, ich drückte sie kurz fest an mich. Das war so eine Unart von mir, ich näherte mich Menschen, die ich mochte, gerne körperlich. Aber sie erwiderte die Umarmung, dann verabschiedete ich mich. „Wir sehen uns bald bei der, bei der …“. Da war sie wieder, meine Hemmung, die Dinge klar auszusprechen, die mit dem Tod zusammen hingen. „Beerdigung.“ kam sie mir lächelnd zu Hilfe. Sie schlich wieder katzenartig voran, um mir die Tür zu öffnen. Auf Zehenspitzen stand sie, sich an der Tür festhaltend, als ich durchging. Ich kam mir ihr gegenüber irgendwie vor wie ein Elefant.
Ich stieg wieder ins Auto und rief sofort Gabi an. Gabi war meine beste Freundin, sie war auch Lehrerin, aber nicht an meiner Schule. Sie unterrichtete in einem katholischen Gymnasium, das früher nur Mädchen besuchten, das jetzt aber auch Burschen aufnahm. Ich hatte sie beim Sport kennen gelernt, und Sport war auch das, was uns mehrmals in der Woche zusammen führte.
Gott sei Dank hob sie gleich ab. „Hallo. Ich muss unbedingt noch joggen, es war ein scheußlicher Tag. Gehst du mit?“ Sie war vorbereitet, wir trafen uns fast jeden Donnerstag zu irgendeiner sportlichen Aktivität. „Wann bis du so weit?“ „Ich fahr jetzt heim – eine Viertelstunde – eine Viertelstunde umziehen, in einer halben Stunde?“ „OK“. Sie legte auf. Es war zwar jetzt schon ziemlich dämmrig, bis in einer halben Stunde würde es finster sein. Wir konnten die Salzachpromenade entlang laufen, da gab es Straßenbeleuchtung.
Ich musste mich zwar beeilen, empfand diese Eile aber nicht als Stress. Sie Aussicht darauf, eine Stunde mit Gabi zu laufen, war die Aussicht auf Erholung pur. Ich musste heute einfach noch einmal meine Lungen mit Luft voll pumpen und richtig ins Schwitzen kommen, das würde mir gut tun.
Ich war gerade in meine neue Fleecejacke geschlüpft und band die Schuhbänder zu, als Gabi läutete. „Ich komme schon!“ Wir liefen so gemütlich, dass wir dabei reden konnten. Ich musste Gabi natürlich von den aufregenden Erlebnissen des heutigen Tages erzählen. Die Geschichte mit dem Computer, den Beweisen und dem Besuch bei Hildegard Hölzl verschwieg ich ihr allerdings, ich fühlte mich Hildegard verpflichtet und wollte nicht als Tratschweib dastehen.
Gabi war lang und dünn und kam aus Innsbruck. Sie hatte lange, rotblonde Haare und eine große Nase, die sie sich als Teenager hatte operieren lassen wollen. Jetzt trug sie sie allerdings mit Stolz und Selbstbewusstsein. Sie lebte schon seit siebzehn Jahren in Salzburg, hatte aber ihren Akzent noch immer nicht abgelegt, das fand ich originell und sogar sexy. Tirolerisch klang überhaupt gut, vor allem bei Männern. Aber auch bei Gabi. Wir kannten uns seit dem Studium.
Sie war geschieden und hatte einen zwölfjährigen Sohn. Ihr Mann war auch Lehrer gewesen, hatte das aber nur als ungeliebten Brotberuf gesehen und wollte lieber Künstler sein. Schauspiel, Rockmusik, Kabarett, alles hatte er probiert. Geendet hatte es damit, dass ihn Gabi rausschmiss, weil er ständig besoffen war. Er hatte dann im Auto geschlafen, hatte sie mir erzählt. Ich kannte ihn, denn er war für kurze Zeit mein Kollege gewesen, dann war er gekündigt worden, wobei Hölzl auch irgendwie seine schmutzigen Finger im Spiel gehabt hatte. Gabi hasste Hölzl dafür – obwohl sie selbst ihren Mann ebenfalls rausgeschmissen hatte. Das war ein bisschen irrational. Aber sie war eine tolle Freundin, auf die man sich verlassen konnte. Vor allem, wenn man spontan etwas unternehmen wollte und jemanden dafür brauchte, damit man nicht allein war. Ob es um eine Rodelpartie oder einen Städteflug ging, wenn sie gerade nicht pleite war, war sie für alles zu haben – sofern sie ihren Philipp mitnehmen konnte oder er bei Oma oder Schwester unterkam.
Heute allerdings war sie nicht so besonders gut drauf. Die meiste Zeit trabte sie schweigend neben mir her. Unser Tempo war so gemütlich, dass ich sie nicht einmal schnaufen hörte. Wahrscheinlich, weil ich selber nicht ganz so fit war wie sie und lauter atmete, sie hatte immer eine niedrigere Pulsfrequenz als ich, wenn wir miteinander liefen.
Ich redete und redete. Natürlich ging die ganze Kommunikation etwas langsamer vonstatten als im Sitzen, man brauchte ja schließlich mehr Atempausen. Aber von ihr kam heute deutlich weniger also sonst, bis ich mich schließlich ein wenig hinter sie zurück fallen ließ und schwieg, um sie beobachten zu können. Sie sah wirklich missmutig aus.
„Ist was mit dir? Du bist so schweigsam.“, versuchte ich, sie herauszufordern. Sie antwortete ausweichend. Es sei nichts, sie fühle sich heute nicht so besonders.
Plötzlich trat ich auf eine eisige Stelle, rutschte weg und kam ins Taumeln, sodass ich sie fast angerempelt hätte. Wir stießen beide erschrockene Schreie aus. „Hast du dir weh getan?“, fragte Gabi, aber ich konnte sie beruhigen und nahm meinen Trab wieder auf wie vorhin.
„Wenn du Sorgen hast,“ keuchte ich, „red darüber. Wozu hat man Freundinnen.“ „Danke.“ Sie lächelte. „Geht schon wieder besser. Das übliche. Probleme mit Ernst.“ Ernst war ihr Exmann. Die üblichen Probleme waren, dass er keine Alimente zahlte, Besuchsregeln nicht einhielt, Philipp mit den falschen Computerspielen versorgte und die falschen Sendungen im Fernsehen ansehen ließ. Das übliche eben, wenn man geschieden ist und gemeinsame Kinder hat. Ich brauchte nicht zu fragen, ich kannte diese Geschichten. „Komm, machen wir ein bisschen Tempo. Du kommst auf andere Gedanken!“ munterte ich sie auf, und sie sprang darauf so an, dass ich Mühe hatte, mitzuhalten. Sie hatte wirklich enorme Ausdauer. Ein Hustenanfall meinerseits beendete die Hochgeschwindigkeits-phase, wir hatten die dreißig Minuten voll und drehten um. Gabi war jetzt etwas lockerer, das konnte man spüren. Laufen tat nicht nur etwas für unsere Körper, sondern auch für unsere Seelen.
Ich fragte sie, was sie eigentlich empfinde, seit sie wusste, dass Hölzl tot war. Ihre Miene verfinsterte sich. Zunächst sagte sie gar nichts und zog das Tempo an. Schließlich stieß sie unter heftigem Atmen hervor: „Ich bin froh, dass dieses Schwein tot ist!“ Ich erschrak über die Heftigkeit ihres Ausbruchs und versuchte, meinen Schreck mit einem Scherz zu überspielen. „Pass auf, sonst stellt sich am Ende noch heraus, dass du ihn hinuntergeworfen hast!“ Sie sah mich entsetzt an, wandte sich aber gleich wieder in Laufrichtung und lachte kopfschüttelnd. „Du spinnst!“
Als wir aßer Atem vor meinem Haustor anlangten, fragte ich Gabi, ob sie vielleicht noch auf einen Tee mit hinauf kommen wollte. Sie wollte, denn Philipp musste erst um acht vom Klettertraining in der Sporthalle abgeholt werden.
Als sie bei mir auf dem Sofa saß und ich ihr den heißen Tee brachte, wirkte sie deutlich entspannt. „Ich bin so froh, dass ich dich habe.“ schmeichelte sie mir. „Heute hätte ich mich nicht mehr aufraffen können, etwas zu tun, und es tut so gut, wenn man sich doch noch bewegt. Ich hätte nicht geglaubt, dass du heute noch anrufst – wo es doch schon fast finster war.“
Mein Magen erinnerte mich knurrend an meinen unglaublichen Hunger. Ich sah im Kühlschrank nach. „Willst du Mozzarella mit Tomaten?“, fragte ich Gabi. „Ich hab solchen Hunger – und ich hab heute kaum noch etwas Gescheites gegessen.“
Sie wollte auch das. Ich taute ein eingefrorenes Baguette im Backrohr auf und schnitt Mozzarella und Tomaten in Scheiben. Basilikum gab es leider keines mehr, gutes Olivenöl hatte ich immer vorrätig. Eigentlich hätte ich jetzt Lust auf eine warme Suppe gehabt, ein richtiges Winteressen zum Aufwärmen, aber woher nehmen? Ich nahm mir vor, morgen Suppe zu kochen. Mit Rindfleisch, für vier Personen. Genug, um über den Winter zu kommen.
Bevor wir uns zu Tisch setzten, machte ich noch eine Flasche Rotwein auf, die zu warm war. Aber was sollte ich in meiner Wohnung machen? Es gab nur entweder Zimmer- oder Kühlschranktemperatur. Oder, wenn ich vorbereitet war und die Jahreszeit passte, Balkontemperatur.
Und als ich den Wein eingoss, musste ich wieder an Hölzl denken, insbesondere an die Fasche Wein in seinem Kühlschrank, aus der ich mich heute bedient hatte.
„Übrigens, der Alte hat einen phantastischen Wein im Kühlschrank gehabt. Und das interessanteste daran war, dass eine Flasche offen war – und ich glaube nicht, dass die schon seit Samstag offen gewesen ist. Mysteriös, nicht.?“
Gabi hatte keine Lust, auf meine Spekulationen einzugehen und antwortete ein wenig zu heftig: „Können wir nicht über was anderes reden?“ So schnell fiel mir nichts anderes ein. Wir aßen schweigend, ich mit großem, Gabi mit wenig Enthusiasmus. Wenigstens aber trank sie zwei Gläser Wein.
„Entschuldige, dass ich so komisch bin,“ fand sie schließlich doch wieder aus ihrem Schweigen heraus, „aber es war eben kein so schöner Tag für mich heute, ich bin einfach ein bisschen bedrückt. Es ist ja nichts Großes passiert, einige Kleinigkeiten eben, die mir auf den Magen geschlagen haben, das kennst du ja,.“
Ich versuchte ihre Gedanken auf interessante Projekte in der Zukunft zu lenken. „Fahren wir nächstes Jahr wieder einen Radmarathon? Oder auf den Großglockner?“
Damit konnte man sie meist leicht in Fahrt bringen Wir hatten uns bei einem Radmarathon kennen gelernt. Sie war seit ihrer frühen Jugend eine begeisterte Sportlerin gewesen, und ich war durch einen ganz eigenartigen Zufall auf die Idee gekommen an einem Radmarathon teilzunehmen. Ich hatte eine Reportage darüber in einer Zeitung gelesen, und da war gestanden, dass nur etwa zehn Prozent der Teilnehmer Frauen waren. Also neunzig Prozent Männer. Da kam ich auf gewisse Gedanken. Dass alle nach Schweiß stanken und die meisten dürre Spargel über 45 waren, hatte die Zeitung nicht verraten.
Jedenfalls hatte ich es nach einem Jahr Training gewagt und mich angemeldet. Einen Großteil der Strecke war ich in einer Gruppe gefahren, in der Gabi als einzige Frau Führungsarbeit geleistet hatte. Ich musste mich plagen, mich in ihrem Windschatten halten zu können. Nach dem Marathon hatten wir bei Nudeln und Radler entdeckt, dass wir Berufskolleginnen waren und auch noch beide im gleichen Ort wohnten. Das war der Beginn unserer Freundschaft gewesen.
„Oder gleich eine längere Radtour. Irland. Oder vielleicht Schottland?“ Ich hatte sie erfolgreich auf andere Gedanken gebracht. Als sie sich verabschiedete, war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht soeben eine zweiwöchige Radtour durch Schottland zugesagt hatte.
Jetzt musste ich unbedingt zuerst unter die Dusche und dann an meine Hefte. Beim Einseifen ließ es sich nicht vermeiden, dass ich einer gewissen empfindlichen, von dichten schwarzen Haaren beschatteten Stelle an meinem Körper größere Aufmerksamkeit widmete. Und da diese Stelle in letzter Zeit sehr vernachlässigt worden war, nicht nur von Männern, sondern auch von mir selber, dauerte das Duschen inklusive Spannungsabbau einiges länger als sonst. Ich hoffte, mein Nachbar war nicht daheim, denn ich hatte meiner Freude auch lautstarken Ausdruck verliehen.
Solchermaßen abgelenkt, kam ich noch immer nicht sofort an meine Hefte, denn ich musste meinen Gedanken über meine Zukunft, Männer und meine Zukunft mit ihnen ein wenig Auslauf gewähren. Das traf sich gut, da ohnehin der Geschirrspüler aus- und einzuräumen war.
Ich sehnte mich nach einem Mann, und ich wollte ein Kind. Ich träumte oft davon, ein Kind zu haben, und ich träumte auch oft von Männern. Im Schlaf, aber auch während meiner wachen Stunden. Das Problem war, dass mir in meinem richtigen Leben keine Männer über den Weg liefen, die meinen Traumvorstellungen entsprachen. Im Traum waren sie nicht nur gut aussehend, humorvoll, zärtlich etc. etc., sondern sie waren auch noch ideale Partner, die die Familie genau so wichtig nahmen wie ich selbst, die aber trotzdem so gut verdienten, dass man sich keine Sorgen zu machen brauchte. Viel verlangt sei das ja nicht, bildete ich mir ein. Ich hatte auch den einen oder anderen kennen gelernt, der etliche dieser Eigenschaften vorweisen konnten, aber leider immer zu wenige davon in einem vereinigt. Die meisten hatte sich bisher bereits nach relativ kurzer Beziehung als veritable Mängelexemplare entpuppt.
Deswegen war ich momentan, zumindest was die erotische Entspannung betraf, auf meine Finger angewiesen. Und auf ein paar kleine Spielsachen, die ich besaß. Seit es Internet gab, konnte man so etwas ja vollkommen diskret besorgen.
Als ich vor meinen Heften saß, kehrten meine Gedanken wieder zu Max zurück, dessen Heft zuoberst auf dem Stapel der bereits durchgesehenen lag, mit dem Etikett nach unten. Ich machte mir ernsthaft Sorgen um diesen jungen Mann, der so offensichtlich Probleme hatte, deren Lösung er aber offenbar in einer völlig falschen Richtung zu suchen unterwegs war. Was er sagte und schrieb, fand ich widerwärtig, dennoch spürte ich, dass er Hilfe suchte und ich ihm aus seiner Situation heraus helfen musste. Aber wie half man jemandem, den man dreimal – im Fall von Max höchstens zweimal – in der Woche für 50 Minuten sah, und das als Teil einer großen Gruppe?
Ich begann zu korrigieren und freute mich, dass ich in den ersten paar Heften so wenige Fehler und Unsinn fand, dass ich mir gut vorstellen konnte, dass am Ende darunter ein „Gut“ oder ein „Befriedigend“ stehen sollte. Florentinas Schularbeit war, wie nicht anders zu erwarten, eine intellektuell reife Leistung. Manchmal war es direkt beängstigend, wie dieses Mädchen dachte und schrieb. Wie jemand mit viel längerer Lebenserfahrung, mit messerscharfer Logik und Offenheit.
Sie würde es schwer haben im Leben. Wer wollte Frauen, die allen Männern haushoch überlegen waren? Wie sollte eine wie Florentina in einer Gesellschaft, in der die Wissenschaft von Männerbünden beherrscht wird, einen Fuß auf den Boden kriegen? Naive Menschen haben es leichter, dachte ich mir oft. Wer klug, offen und ehrlich ist, rennt den gut organisierten Mittelmäßigen ins offene Messer.
Gegen halb elf war ich mit den Heften durch, dann überlegte ich, was morgen in der Schule zu tun sein würde. Die beiden ersten Stunden mussten noch vorbereitet werden, dann hatte ich eine Freistunde, in der mir hoffentlich genug für die vierte Stunde einfallen würde, wenn ich nicht zu einer Supplierung eingeteilt werden würde. Dann hatte ich Sprechstunde und dann noch eine Stunde mit einer ersten Klasse am PC, da war aber schon klar, dass wir mit den Übungen weiter machen würden, die bereits in der Vorwoche begonnen worden waren.
Wie immer, wenn man hofft, man werde alles schnell hinter sich bringen, zog sich die Vorbereitung für die ersten beiden Stunden, weil ich doch nicht genau das Material bei der Hand hatte, nach dem ich suchte. Schließlich wurde es halb zwölf, bis ich ins Bett kam. Nach drei Seiten in meinem Krimi fielen mir die Augen zu.